Gambia – 10.10. – 12.10.2021

10.10.2021 – Endlich soll es zurück zur Northbank gehen, um Quartier zu beziehen, die Baustelle zu besichtigen und die weiteren Bauschritte in die Wege zu leiten. Jedoch kam der Firmenbus von Family-Health-Projects gestern nicht mehr aus der Werkstatt, weshalb wir gerade hoffen, dass er heute möglichst früh fertig repariert wird und wir ihn abholen können.

Wie so oft, war das erneut deutsches Wunschdenken. Nachdem ich gefrühstückt, gelesen, meine Sachen gepackt, weiter in der Strandbar gelesen, Mittag gegessen, noch mehr gelesen und Kaffee getrunken hatte, bekam ich die Nachricht, dass ich mich zu Susis Appartement aufmachen kann, damit wir den bis dato unfertig reparierten Bus abholen können.

Um mein Bein zu schonen, blieb ich dort, während die anderen mit meinem Taxifahrer weiter nach Serekunda zur Werkstatt fuhren. Was konnte ich tun, um mir beim Bein hochlagern die Zeit zu vertreiben? Lesen. Es dauerte tatsächlich 2 1/2 Stunden, bis Susanne und Bakary mit Solomon im Schlepptau, einem halbreparierten Firmenbus und dem Arbeitsmaterial zurückkamen. Rasch luden wir das Gepäck ein und erreichten die Fähre in Banjul einmal wieder genau zur rechten Zeit. Im Vorfeld hatte Janko seine Tante bei der Fährgesellschaft informiert, dass wir heute übersetzen wollen und wir ein Hilfsprojekt unterstützen, wodurch wir uns direkt in den Autokorso einfädeln durften, ohne es auf gut Glück zu probieren oder auf die tagesaktuelle Laune des Einweisers angewiesen zu sein.

Somit hatten wir noch den vorletzten Platz auf der Fähre ergattert und haben uns sichtlich gefreut. Von Barra aus setzen wir die Anfahrt nach Fass zu unserer Unterkunft fort. Währenddessen lernte ich ein neues Wort in Walluf, welches man hier in der Northbank auf die unzähligen und uns stets an der Straße entgegen gebrachten „Tubab! Tubab!“ – Rufe erwidern kann. „Mofit!“, was im Vergleich zu „Weißer! Weißer!“ „Schwarzer!“ bedeutet. Jetzt darf darüber gestritten werden, ob man das, trotzdessen man selbst auf seine Hautfarbe reduziert wird, antworten sollte. Die meisten Menschen, oft Kinder, die hinter einem „Tubab!“ herrufen, haben noch nie oder selten einen Menschen mit heller Hautfarbe gesehen, freuen sich vielmehr, als das sie damit beleidigen wollen. Im Gegenzug schauen sie verdutzt, wenn man mit „Mofit!“ antwortet, allerdings, weil sie nicht erwarten, dass man ihre Sprache spricht. Die meisten Gamber, die ich getroffen habe, waren davon sehr beeindruckt, dass ich mir die Mühe mache, ihre Sprache ein wenig zu lernen und mich sehr für die Kultur interessiere. Mittlerweile habe ich den Beinamen „Kuntha Kinthe“ bekommen. Das war der ursprüngliche Name der gambischen Hauptfigur aus dem Film „Roots“, den ich mir sofort anschauen muss, sobald ich in der Heimat weile. Der Film thematisiert den Sklavenhandel. Ein Junge wird an einen weißen Master verkauft, der ihm seinen neuen Namen, „Toby“, gibt. Das passt ja, denn bisher habe ich mich immer mit „Toby“ vorgestellt. Mehr weiß ich allerdings noch nicht. Aber ich habe beschlossen, sobald sich die Gelegenheit bietet, hier in der Northbank nach Georgetown auf den ehemaligen Sklavenmarkt zu gehen, in die Geschichte dazu einzutauchen und Kuntha Kinthe Island zu besichtigen. Abschließend zur Frage, ob man das so sagen darf, „Weißer!“ oder „Schwarzer!“ Meiner Meinung nach sollte man den kulturellen Hintergrund, sowie den ortsspezifischen Sprachgebrauch kennen, die Wirkungsweise zumindest so einschätzen können, dass man niemanden beleidigt oder gar rassistisch angreift.

Unsere Bleibe, in der wir bisher vier Übernachtungen einplanen und auch nicht überziehen wollen, es sei denn, wir brauchen einen Arbeitstag mehr, ist die Charity Lodge Gambia in Fass. Deutlich fühlt man sich in dieser Anlage wohler als in einem bescheidenen Compound.

Ehrlich gesagt, hatte ich bisher keine so komfortable Unterkunft wie diese. Leider gibt es unglaublich viel Ungeziefer im Freien, daneben goldige Igel, welche sich in Punkto Ungeziefer weit mehr freuen, als wir, ettliche gewaltige Fledermäuse und in Solomons erstem Zimmer, bis er es gewechselt hat, einen morzmäßiggroßen Gecko. Verlängern möchte ich trotzdem nicht, sondern brenne darauf, mich endlich vor Ort in Prince beim Bau der Schulküche einbringen zu können.

Das Bild zeigt den momentanen Stand. Natürlich schafften wir es heute nicht mehr, die Baustelle vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen und zu besichtigen. So spielten wir nach dem Abendessen ein paar Spiele, führten uns gegenseitig Kartentricks vor und genossen das Zusammensein unter dem Sternenhimmel Westafrikas.

Hand in Hand for the Gambia e. V. hat ganz nebenbei ein weiteres Hilfsangebot verwirklichen können. Die renovierte Bibliothek in Chamen konnte jetzt mit den neuen, notwendigen Möbeln ergänzt werden. Vielen lieben Dank Tanja, Lamin und Roland für eure organisatorische und administrative Arbeit und alle weiteren Supporter des Vereins.

Meine sonnigen Grüße gehen heuer an Familie Seccosan, im Besonderen an den lieben Emil. Danke für dein schönes Bild und keine Angst, weder Krokodile, Affen, Moskitos, Kreuch- und Fleuchgetier, … noch die Fledermäuse haben mich bisher klein gekriegt.

11.10.2021 – Nachdem ich mich brav geschont und meine Antibiotikamittel eingenommen hatte, traute ich es mir zu, mit voller Tatkraft beim Ofenbau zu unterstützen. Nach kurzer, heißer, erster Nacht in der Charity Lodge und einem typischen Weißbrot und Ei lastigen Frühstück, dafür mit deutschem Kaffee (Susi sei Dank!), fuhr uns Susi über die holprigen Landstraßen zur Tankstelle in Ndungu Kebbeh, wo uns bereits Sulayman und Ali auf ihren heißen Öfen erwarteten und uns nach Prince eskortierten.

Nach über einer Stunde erreichten wir die Circle School, wo die Arbeit schon voll in Gange war. An dieser Stelle mussten wir den ganzen Arbeitern ein großes Lob aussprechen, denn sie haben wirklich Gas gegeben und einen tollen Bau in europäischer Standardzeit hochgezogen. Alle haben sich sichtlich  auf das Wiedersehen gefreut und auch Susis Trupp wurde mit offenen Armen empfangen. Zuerst haben wir uns über den Baufortschritt erkundigt und die nächsten To do’s besprochen, damit neben dem Ofenbau der Schlosser, der Verputzer, die Dachdecker und später der Streicher anrücken können. Nebenbei konnte ich meine ersten Interviews für den kommenden Imagefilm von Hand in Hand for the Gambia abhalten. Leider musste ich zwischen dem Arbeiten feststellen, wie scharf der Drill an der Schule ist. Alle Schüler in eine Uniform zu stecken, um keine vordergründige Unterscheidung zwischen Arm und Reich zu offenbaren ist das Eine. Aber zum Beispiel vorzuschreiben, wie die Haare geflochten werden müssen, damit man nicht nach Hause geschickt wird, geht für mein Empfinden zu weit. Zwar habe ich hier keinen Missionsauftrag, als ich aber sechs Schüler auf dem Boden knieend mit über den Köpfen gestreckten Händen sah, konnte ich nicht anders, als meinen Unmut freien Lauf zu lassen. Es sah aus, wie eine Verhaftung oder schlimmer, eine Hinrichtung mit Schuss in den Rücken. Tut mir Leid, für dieses Bild, aber das ging mir dabei durch den Kopf. Mit einem weiteren Lehrer löste ich die Situation auf und beschwerte mich anschließend beim Direktor, den ich als wirklich tollen Schulleiter kennen gelernt hatte. Er versicherte mir, dass er solch eine Bestrafung nicht duldet und der Lehrer falsch gehandelt hat. Die Schüler hatten sich nicht konzentriert. Wie denn auch, mit leerem Magen und ihren ganz persönlichen Sorgen?

Dann schritt ich zur Tat und schwang die Kelle, mixte Zement, trug Schutt zum Füllen zusammen und zog Lehrer und den Direktor, der es sich ebenso nicht nehmen ließ, anständig dran zu klotzen, mit. Es hat sich eine schöne Eigendynamik entwickelt und wir sind zügig vorangekommen.

Susi führte die Aufsicht über den Bau, versorgte uns köstlich und brachte uns nachmittags sicher zur Kerr Marry Lower Basic School von Sulayman, der uns auch dort vorstellte und herumführte. Die Schule ist erst vier Jahre alt und wurde von der Holland Foundation errichtet, wodurch es sich um eine besser gestellte Schule handelt. Dennoch wollte man hier erneut unseren Support, den wir ablehnen mussten, da unser Engagement ein gewisses Level nicht überschreiten kann. Von dort loszukommen, gestaltete sich schwerer als erwartet. Der Bus streikte einmal mehr. Dieses Mal war die Hydraulik dran, weshalb es nicht mehr möglich war, zu lenken. Sulayman holte uns entsprechende Flüssigkeit zum Nachfüllen und wir setzen zum Heimweg an.

In der Lodge genoss jeder zuerst eine wohlverdiente Dusche. Team Susi & Solomon hatten daraufhin ein Workout, Bakary betete und ich musste so langsam irgendwie Speicherplatz schaffen, bis das Abendessen, Chicken Yassa mit Reis, anstandt. Im Anschluss zeigte mir Spaßkanone Solomon die Grundschritte des Afrodance, welche ich anfangs eher hölzern, mit der Zeit geschmeidiger mittanzte. Im Gegenzug durfte er bei „Killing in the name of“ von Rage against the Machine durchdrehen, wobei das immer noch sehr nach Reggeamoves bei ihm aussah. Bis in den späten Abend spielten wir zusammen Karten und flaxten herum.

Ein weiteres Dankeschön geht an Elmar und Sina für ihre Spende. Sehr lieb von euch und mal schauen, ob morgen, am Stichtag noch jemand dazu kommt. Anbei möchte ich meine komplette Verwandschaft grüßen. Ich freue mich auf ein ausgedehntes Wiedersehen.

12.10.2021 – Vorneweg: Heute hielt das Auto durch;) und wir kamen gegen 10 Uhr nach einer Stunde Fahrtzeit in Prince an. Ich führte, bevor ich im Beton wühlte, ein Interview mit dem Headmaster Modou Joof, der mir über das Schulleben, die Schüler und vorhandene Problematiken Rede and Antwort stand, aber auch meinen kritischen Fragen zur Regierung und dem Wert von Bildung nicht aus dem Weg ging. Daraufhin packten wir beide beim Ofenbau an und unterstützten zusammen mit zwei Arbeitern das Team von Family-Health-Projects. Auf den getrockneten Grundblock wurden nun die alten oder geliehenen Töpfe als Schablone aufgestellt, die Maße markiert und dem entsprechend erst eine, dann die zweite Reihe rote Ziegelsteine betoniert. Zuletzt begannen wir, den Schornstein zur Hälfte hochzuziehen.

Zwischendurch ließ ich es mir nicht nehmen, nochmals in den Unterricht hinein zu schauen. In einer Klasse stand zum Beispiel körperliche Ertüchtigung auf dem Stundenplan. Der Lehrer probte mit den Schülern erst etwas in der Praxis das Passen und Stoppen eines Fußballs, den Weitsprung und den Start bei einem Lauf. Die Theorie dazu wurde infolgedessen im Klassensaal erklärt. Man versucht mit den wenigen Mitteln und Möglichkeiten das beste daraus zu machen.

Um 16 Uhr waren wir für heute fertig und traten den Heimweg an. Wie bisher chauffierte uns Susi gekonnt über die abenteuerlichen Buckelpisten, die es wirklich in sich haben. Man sollte hier nicht seekrank sein, auch wenn die Fahrt über Land ging. Und das sogar bis zur senegalesischen Grenze nach Amdalai, nicht weit von Fass entfernt, um dort Geld abzuheben, Früchte und Getränke, sowie Einsenrohre zu kaufen. Vorsorglich habe ich noch einen Arzt- und einen Osteopathietermin nach meiner Heimkehr ins schöne Mainz am Rhein vereinbart. Ebenso hielt ich Rücksprache mit meinem Cousin, seines Zeichens Arzt und mit meinem Apotheker des Vertrauens, um den Verlauf der bisherigen Therapie zu beleuchten. Sie konnten etwas meine Bedenken zerstreuen, weshalb ich, sollte sich nichts verschlimmern, in Gambia deshalb nicht mehr zum Arzt gehen würde. Daraufhin gab es Abendessen und es kam anschließend zum Aufeinertreffen der unterschiedlichen Religionen und Kulturen, sodass sich ein Christ, ein Moslem mit einer Agnostikerin und einem Atheisten angeregt, aber fair und weltoffen mit einander diskutierten. Dabei trafen nicht nur Meinungen, sondern Welten aufeinander.

An diesem Abend möchte ich abermals Jan Schroer für seine medizinische Begleitung und seinen steten Rat danken, sowie Dr. Ulli Herr für dessen Ferndiagnose und Beratung.

Ein Kommentar zu “Gambia – 10.10. – 12.10.2021

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