Etappen – Bosnien-Herzegowina – 09.08. – 13.08.2021

09.08.2021 – Leider mussten wir uns gestern Nacht dazu entschließen, unsere Canyoning-Tour durch den Nevidio-Canyon in Montenegro abzusagen, da wir aufgrund der weiteren Strecke, Straßenbeschaffenheit und Grenzkontrollen erst am späten Abend in Sarajevo völlig platt angekommen wären. Die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina in all ihren Facetten wollen wir aber stressfrei und ausgiebig erkunden, weshalb wir dann direkt nach dem Frühstück losfuhren und um 14 Uhr in der Pension River eintrafen. Auf dem Weg dahin haben wir schon gemerkt, dass es hierzulande noch schlechtere Straßen gibt, auf denen um die Ecke auch einmal eine Kuh auf dich warten und auch sonst ein Restaurant, welches sich auf Roadkill-Food spezialisiert hat, günstig an seine „Lebensmittel“ kommen und anbieten kann.

Mit Einfahrt Sarajevo hat man schon direkt gemerkt, was der Literaturnobelpreisträger Ivo Andric meinte, wenn er sagte: „If you take a look at Sarajevo at any time of day, from any surrounding hill, you will always inadvertently come to the same conclusion. It is the city that is wearing out and dying, while at the same time being reborn and transformed. Today it is the city of our most beautiful longings and endeavors and bravest desires and hopes.“

Zwar wird man einerseits mit einer Statue der fünf Ringe der Olympischen Winterspiele 1984 und dem olympischen Gedanken begrüßt, sieht dennoch kurz dahinter die zahlreichen Einschusslöcher in vielen brutalistischen Plattenbauten der Vorstadt und ruft sich ins Gedächtnis, dass Sarajevo, wie das ganze Land, in meiner persönlichen Phase der unbeschwerten Kindheit, für Jahre mitten im Kriegszustand weilte. Während unserer Stadterkundung ist uns immer wieder das gleiche Graffitimotiv, eine Blume, in unterschiedlichen Ausführungen und Farben aufgefallen, meist an Orten, die neben den schönen Prachtsstraßen im Innenstadtbereich, zu finden waren, die auch die schwere der Vergangenheit (an eingestürzten Bauten, oder solchen mit Einschusslöchern) aufzeigen. Vielleicht, so interpretiere ich dies, sind die Blumen ein Zeichen der Hoffnung und des Wiederaufbaus nach dem vergangenen Bürgerkrieg 1992 – 1995. Das hat mich in irgendeiner, aber konträren Weise an das traurige Mainzer Mädchen erinnert (liebe Grüße an Maria M. Fantasma), welches seine Emotionalität, neben der ausdrucksstarken Mimik, auch durch seine Umgebung erhält. Ein paar wenige von zahlreichen gefundenen Beispielen:

Und neben den Erinnerungen an Krieg und Zerstörung, Versöhnung und Annäherung spürt man die große Religiosität und kulturelle Vielfalt der Stadt, die zahlreiche Moscheen, Klöster und eine Synagoge aus der Zeit des 15. Jahrhunderts aufbietet, zum Beispiel die Ghazi Husrev Beys Moschee:

Oder die jüdische Synagoge mit Stadtmuseum:

Sowie christlich orthodoxe und katholische Gotteshäuser:

Unseren Sundowner nahmen wir heute am Fluss Miljacka mit Blick auf die Stadthalle und erheben unser Glas (bzw. unsere Tasse) auf die frischgebackenen, überaus stolzen Eltern Milli und Ömer Kocmanith und gratulieren ganz herzlich zum gesunden, munteren Nachwuchswürmle. Nachfolgend nachgestellt übrigens unsere Reaktion, als wir die freudige Nachricht erfahren durften:

10.08.2021 – Vormittags nahmen wir an einer Stadtführung teil und haben allerhand Neues, Interessantes und Schockierendes über Land und Leute, Sarajevo und die bosnische Geschichte erfahren. Ich versuche didaktisch zu redizieren und mich kurz zu fassen. Zuerst erwähne ich Ghazi Husrev Bey, der die Gedanken der Förderung, Bildung, Solidarität und des Fortschritts nach Sarajevo brachte. Durch seine Stiftungen wurden Gymnasien, Koranschulen, eine Bibliothek, Brunnen, Moscheen, Handelsposten, Unterkünfte für Reisende und Vertriebene, sowie eine Karavanserei errichtet. Nach seinem Vorbild versteht sich die Stadt auch heute noch als kulturelles, weltoffenes, solidarisches Zentrum des Landes.

Das Uhrwerk des städtischen Uhrturms muss von einem Wärter dreimal wöchentlich geprüft und gestellt werden. Wir waren dort um 11 Uhr, während allerdings 15 Uhr gezeigt wurde, da sich die Zeitrechnung für Juden und Moslems gleichermaßen am Mondkalender orientiert.

Findet man im ursprünglichen östlichen Teil der Altstadt neben Basaren und Handwerkergassen der Seidenhersteller, Silber-/Kupferschmiede und Dengler, so weist der westliche Teil die Architektur und Pracht der Habsburger Monarchie auf.

Über der Latinerbrücke an der Ecke des Museums fand das Attentat des serbischen Widerstandkämpfers Gavrilo Princip (Mitglied der Schwarzen Hand, man wollte ein von der K-&-K-Monarchie Österreich-Ungarn unabhängiges Serbien schaffen) auf den österreichischen Thronfolger und seine schwangere Frau statt. Dies war der Auslöser zum Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Zudem wurde natürlich das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen thematisiert. Hier verweise ich gerne auf unsere Erfahrungen und Eindrücke des Vortages und ergänze die enorme Hilfsbereitschaft der Einwohner Sarajevos gegenüber Andersgläubigen. So half beispielsweise eine Muslima ihrer jüdischen Freundin sich mithilfe einer Burka vor den Nazischergen während des 2. Weltkrieges zu verbergen, brachte ihr ihre Sitten und Sprache bei, bis sie ins Exil nach Israel flüchten konnte. Von dort aus sicherte sie den Schutz vor Verfolgung ihrer Freundin zur Zeit des Jugoslawienkriegs.

Und auch wir erlebten Sarajevo erneut als eine Stadt des Leids und Terrors auf der einen, sowie gleichsam der Toleranz und Solidarität auf der anderen Seite.

Nach der Führung mussten wir die hier nur angerissenen Eindrücke erst einmal bei einem Habsburger Palatschinken, bosnischem Kaffee mit türkischem Nougat und Wacholderlimonade rekapitulieren.

Danach stellten wir uns einer härteren Kost und besuchten das Genozid-Museum, welches den Völkermord der Serben unter Milosevic an den bosnischen Moslems und kroatischen Bosniaken

1992 – 1995 auf bedrückende und erschreckende Art und Weise präsentiert. Wer sich mit der deutschen Geschichte im Nationalsozialismus beschäftigt, kann die Vorgehensweise von Unterdrückung, über Folter und Ermordung im Konzentrationslager mit blutigen Straßenkämpfen und dem Leben im und mit einem Bürgerkrieg erweitern. Ich werde wohl fortan jede Kriegsberichtserstattung mit anderen Augen sehen. Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf Bilder von Gräueltaten und zeige lieber eines von Solidaritätsbekundungen, unter denen wir uns ebenso eingereiht haben.

Auf Sarajevos Straßen findet man schon zu genüge die so genannte „Blutrose“, ein Symbol für Orte, an denen mehr als drei Menschen auf einmal ermordet wurden. Und auch heutzutage gleicht jedes Einschussloch in Häuserwänden einem Mahnmal, das uns zuruft: „Make love, not war.“

11.08.2021 – In der Früh musste ich mich von meinem Mitreisenden Frank, der von Sarajevo aus zurückflog, verabschieden und zügig aufbrechen, um zu Almedin und seiner Familie in 2 1/2 Stunden nach Prokosovic gut durchzukommen. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals bei Frank für seine Reisebegleitung bedanken. Zusammen haben wir das kroatische Meer, sowie den Tara River gezähmt, drei Nationalparks Montenegros erkundigt und er hat mir die unterschiedlichen religiösen und kulturellen Eigenheiten, denen wir begegnet sind, näher gebracht.

Ich wurde dann bei Ankunft in Prokosovic direkt von Patriarch Almedin, seiner Frau Mirnesa, Tochter Aila und Stammhalter Eman freundlich empfangen und herzlich willkommen geheißen. Auch hier hatte ich nochmals die Gelegenheit mich aus erster Hand über Land und Leute in Vergangenheit und Gegenwart und auch die persönliche Familiengeschichte ausgiebig zu informieren und fange langsam an, das Lebensgefühl der Bosnier zu verstehen. Dazu gab es traditionell Kaffee, Kaffee, Kaffee und noch mehr Kaffee;) und Mirnesa hat extra noch für mich gekocht, bis es erneut Kaffee gab und wir zum Essen ins Restaurant Robinzon gingen.

Telece Pecenje – fast wie Rollbraten!

Anschließend lag eine Bootsfahrt über den Jezero Modrac an, mit herrlichem Blick für den Sonnenuntergang und den passenden Balkanbeats.

Mit dem Sundowner des Tages gibt es diesesmal den passenden Song dazu:

Mile Kitic mit „Mnogo toga jos je isto“

Also mich hat es gecatcht.

12.08.2021 – Nach dem „Guten-Morgen-Kaffee“ hat mich Almedin zu seinem Autoteilehändler gefahren, weil es endlich Zeit wurde meinem zweckmäßig fahrenden Untersatz für die bisher geleisteten Dienste nicht nur eine Verschnaufpause, sondern auch einmal etwas Gutes zu gönnen. Der Ölwechsel ließ bisher über 7000 Kilometer auf sich warten und wird morgen nachgeholt. Dafür haben wir ausreichend Öl und einen Ölfilter besorgt und einen Termin in der Werkstatt gemacht. Schließlich soll die Möglichkeit sich am Tippspiel (siehe Menü) zu beteiligen, weiterhin aussichtsreich und bestehen bleiben. Für jede Spende für den guten Zweck bin ich weiterhin sehr dankbar und habe auch schon das ein oder andere Mitbringsel für den besten Tipper bzw. die beste Tipperin besorgt.

Anschließend ging die Fahrt nach dem Frühstückseintopf weiter zur „Mädchen-Höhle“. Der Legende nach starb hier ein Mädchen, welches eine Mutprobe bestehen wollte, auf tragische Art und Weise. Besagte Höhle ist wirklich gigantisch groß und einer von wenigen Walfahrtsorten in Bosnien. Wir hatten Glück, da wir fast die gesamte Zeit, die Höhle alleine besichtigen konnten.

Anschließend gab es, wie könnte es anders sein, Kaffee und ein riesiges Stück Baklava, bevor das Mittagessen folgte;).

Nach dem Abend-Kaffee, diesmal aus der Aero-Press auf Camping-Art zu Hause auf der Terrasse mit Seeblick, habe ich den Bibic’s Crossboule näher gebracht. Und irgendwie bin ich bzw. die „Drecks-Pearl“ in einer sexy Carwash-Station gelandet.

Vielen lieben Dank Almedin für deinen vollen Körpereinsatz, den Extraschaum und die lustigen Sprüche beim Hegen und Pflegen. Da macht das Putzen doch echt einmal Spaß. Endlich glänzt die Miesmuschel wieder als Black Pearl und darf heute die Sundowner-Grüße an das liebe Geburtstagkind Chrissi raussenden. Alles Gute, heute bist du der „Herr Maus“. Loss dich verwehne un trink en gude Schoppe fer mich mit!

13.08.2021 – Nach dem Ölwechsel am Vormittag, konnte ich noch ein paar Mitbringsel und Lebensmittel besorgen, sodass ich am Abend auch einmal für die Familie kochen und mich ein wenig für die Gastfreundschaft erkenntlich zeigen kann. Mittags waren wir im Zoo in Tuzla und, naja, selbst für die Bewohner war es zu heiß.

Im Anschluss servierte der Küchenchef Pasta mit Basilikum-Pesto, Hühnchen und eine Mango-Chutney-Gemüsepfanne.

Zum Tagesabschluss flanierten wir noch durch Lucovac, bevor ich mich abends noch von den Kids, Mirnesa und Almedin verabschieden musste. Es war eine tolle Zeit unter ganz herzlichen, tollen Menschen, die ich näher kennenlernen durfte. Und nebenbei habe ich durch Almedin noch mehr Wissenswertes über den Islam gelernt. Puno hvala na svemo.

2 Kommentare zu „Etappen – Bosnien-Herzegowina – 09.08. – 13.08.2021

  1. Liebe Grüße gehen raus! Bisher ein sehr lesenswerter und interessanter Blog Tobi und Almedin mit Familie natürlich auch ein i-Tüpfelchen! Genieß weiterhin deine Zeit auf Reisen! Patryk

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu tfeith Antwort abbrechen

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten