Gambia – 19.10. – 23.10.2021

19.10.2021 – Eingeschlafen bin ich erst sehr spät, weshalb ich länger liegen bleiben durfte. Noch mitten im Halbschlaf rief mich Susanne an und erkundigte sich nach mir, ob alles in Ordnung sei. Ich war erstmal verdutzt, bis sie mir ein Video schickte, das zeigt, dass es unweit des Patta Pattas, keine 100 Meter Luftlinie, die Nacht über gebrannt hat. Die Bar „Churchills“ hat es erwischt. Brandursache unklar. Ich hatte nichts mitbekommen, geschlafen wie ein Baby und dabei noch die Kind-Ohrstöpsel drin, um das Geräusch des Deckenventilators einzudämmen. Nachdem ich mir zur Mittagszeit erst Bilder in Facebook davon und die Brandfolgen vor Ort angeschaut habe, war ich froh, dass dies an mir vorbeigegangen war.

Ich schlenderte anschließend am Strand entlang, stapfte durch das Salzwasser, um meine Wunde etwas mehr austrocknen zu lassen und traf Fred Förster, ein weiteres Mitglied von Hand in Hand for the Gambia e.V., der Sonntag in Banjul gelandet war.

Im Poco Loco lernten wir uns näher kennen, tauschten uns über meine Erfahrungen aus und unterhielten uns prächtig. Fred ist schon zum vierten Mal in Gambia und hat ebenso ein Patenkind in Prince und unterstützt weitere Familien im Kombo. Da war es klar, dass wir ihn gerne eingeladen haben, morgen mit uns nach Prince zum Einweihungsfest der Schulküche zu kommen.

Nach einem Spaziergang habe ich mich mit Fred ins „Senegambia Beach Hotel“, in dem er untergebracht ist, an den Pool geschlichen. Da war tatsächlich was los und man merkt, dass mittlerweile vermehrt Touristen landen. Das wird Land und Leuten zumindest kurzfristig helfen und die finanzielle Lage verbessern.

Und weil ich daraufhin immer noch nicht heim wollte, pflanzte ich mich erneut auf einen Cafe ins Poco Loco und mit Einbruch der Dunkelheit zum Abendessen ins Solomons, von wo aus ich meine Sundownergrüße an Luisa B. schicke, die nochmal bei der Spendenaktion nachgelegt hat, worüber wir uns sehr freuen. Unsere Endabrechnung ist bei 2554 Euro, ausgenommen den Gebühren von Facebook für die Bereitstellung der Plattform. Alles, was darüber hinaus mit dem entsprechenden Betreff auf dem Vereinskonto von Family-Health-Projects Gambia e.V. landet, wird für weitere Essensspenden für die Schule in Prince verwendet.

Kleiner Nachtrag: Leider trockneten die verputzten Wände nicht so schnell, wie erhofft, weshalb der Maler erst heute anrücken konnte. Das wirft uns aus dem Zeitplan, wodurch der Komplettanstrich wohl morgen noch nicht geschafft ist/ sein wird. Wir lassen uns überraschen.

20.10.2021 – Der große Tag! Es war soweit. Heute ging es erneut und (vorerst) zum letzten Mal in die Northbank nach Prince. Fred traf pünktlich um halb 9 im Patta Patta ein. Kurz darauf sammelte uns Susi ein und brachte uns nach kurzem Zwischenstopp nach Banjul zur Fähre. In einer Seitenstraße ließen wir den Firmenbus stehen, setzten ohne fahrbaren Untersatz über, weil wir letztes Mal zu lange warten mussten und nicht erst spät in der Nacht wieder heimkommen wollen. Mehr als 30 Fahrzeuge gehen halt nicht auf die Fähre und meistens sind es weitaus mehr als das Doppelte bis Dreifache, die über den Fluss wollen. In Barra erwartete uns der Taxifahrer (Auch er heißt Kebba!), den wir von Hand in Hand for the Gambia e.V. meistens nutzen. Mit uns kam auch ein Kandidat für die Präsidentschaftswahl im Dezember an, der auf Wahlkampftour war und stürmisch von seinen Anhängern empfangen wurde. Wir schlängelten uns durch die Menge und Fred kaufte für sein Patenkind in Prince, Haddy Touray, einen 50kg Sack Reis, Zwiebeln und 10 Liter Öl, bevor wir unsere Reise fortsetzten. Um 12 Uhr 30 erreichten wir die Schule, mit fast ebenso einem euphorischen Empfang, schüttelten ettliche Hände von bekannten Gesichtern, aber auch extra geladenen Honoratioren und Süßigkeiten-Verteiler Fred war sofort umringt, ja fast verschlungen. Während wir den Bau besichtigten, machte er einen Abstecher mit Haddy zu deren Compound und konnte seine Mitbringsel übergeben.

Die Malerarbeiten waren noch im Gange. Unsere Logos und eine Danksagung wurden noch fertiggestellt und die Frauen waren schon länger am Essen vorbereiten. Es sollte Benechin mit Reis, verschiedenen Gemüsesorten und Fisch geben.

Die Schulgemeinschaft hatte ein ausgedehntes Programm für uns vorbereitet. Gestartet wurde mit einem Singspiel. Der Begrüßungsrede folgten ein Gebet die Nationalhymne wurde gesungen. Danach sprachen der Chairman, die Vorsitzende der Elternschaft wie auch der Direktor ihren Dank aus. Gleichzeitig baten sie um weitere Unterstützung. Ich sollte überraschenderweise ebenfalls eine Rede halten. Auf die war ich natürlich top vorbereitet, schüttelte dann aber doch noch einen Vortrag aus dem Kurzshirtärmel. Alles in allem hat sich das schon kaugummiartig in die Länge gezogen, v. a. weil das Meiste vom Englischen in Walluf übersetzt werden musste. Gefolgt wurden die Redebeiträge noch von Gesangs- und Tanzeinlagen, sowie Gedichtvorträgen in Englisch, Französisch und Arabisch.

Zu guter Letzt erhielten wir ein Dankesschreiben für unsere geleistete Arbeit, bis ab 16 Uhr endlich die grummelnden Mägen gefüllt werden konnten. Das hat uns ehrlich gesagt, neben der enormen Spendenbereitschaft aus Deutschland und dem tollen Arbeitseinsatz aller Beteiligten vor Ort, die wirklich etwas Großartiges, so unglaublich Wichtiges in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben, am meisten gefreut und beeindruckt.

Das baufällige, einsturzgefährdete Gebäude, mit Bruchstellen in den Wänden links war übrigens mal eine Schulküche.

Nach dem Essen war es an der Zeit „Goodbye!“ zu sagen. Wir verabschiedeten uns herzlich und traten den Rückweg an. Bis wir zur Fähre kamen, übersetzten und zurück in Senegambia waren, war es spät genug. Auf der Überfahrt hatte ich das Glück ein paar Delfine auftauchen zu sehen, aber selig gingen wir ins Bett, weil es ein wunderschönes Gesamterlebnis war. Uns bleibt eigentlich nur noch zu sagen:

21.10.2021 – Nachdem ich vertieft über den Mango-Wurm im Internet recherchiert, dabei mehr als anschauliches Bild- und Videomaterial gesichtet hatte, beherrschten die kleinen Racker auch meine nächtlichen Träume. Ich hoffe immer noch, dass nichts Weiteres in meiner Wade brütet. Das Antibiotikum erzielt keine Besserung mehr, wodurch die betroffene Stelle erneut wie zu Beginn des Ausbruchs aussieht und verhärtet ist. Ich hatte sie dem Salzwasser bei Strandspaziergängen ausgesetzt, damit es austrocknen kann und nahm heute zum erstenmal seit Wochen wieder ein Wellenbad. Jetzt ist die Kruste ab. Also heißt es wieder, auf der Liege gammeln, Sonne genießen und lesen. Vorwiegend tat ich das ausgiebig am Poco Loco und dem Solomons, quasi meinem Stammlokal, wo ich mich vorsorglich von Buba, dem Besitzer und ebenso Inhaber des Patta Pattas verabschiedete.

Den wunderbaren Nachrichten von gestern folgen gleich die nächsten. In Chamen hat unser zweites Arbeitsteam mit dem Graben eines Bohrlochs begonnen und nach dauerhaftem Pumpen spät in der Nacht Wasser hervorgebracht. So kann es auch an dieser Partnerschule vorangehen.

Gegen 19:30 Uhr holten mich Solomon, Susanne und Bakary im Appartement ab und wir fuhren ins „Kasumai“ (Hotel & Steakhouse – eine wirklich sehr schöne Anlage), um unseren letzten gemeinsamen Abend miteinander zu verbringen. Ich hätte ihn mit niemandem anderen mehr genießen wollen (außer Steffi). Wir haben echt viel Zeit miteinander verbracht, zusammen gearbeitet, gegrübelt, gelacht, gesungen, getanzt und sind Freunde geworden. Für Susi und Baks war es ebenfalls ein kleiner Abschied, da es für sie morgen in den Senegal und dann auf die Kap Verde geht. Genießt euren Urlaub.

Ich danke euch allen, für die wunderbaren Erlebnisse und Erfahrungen, die ich mit euch machen und teilen durfte. Frohnatur Solomon hat mir zudem meine nächste Afrodance-Einheit verpasst. Es wird besser;). Dankeschön Baks für das Armband. Es wird mich immer an Gambia und euch erinnern. Vielen lieben Dank Susi für die nette Karte. Ich freue mich bereits, dich in Mainz nach unserer beider Sabbatauszeit wieder zu sehen. Popopop summa harrids! Djeredjef!

22.10.2021 – Heute ist der Tag meiner Rückreise gekommen. (Ich schreibe  erstmal im Futur!) Die Koffer sind so gut wie gepackt. Eingecheckt bin ich. Das Online-Formular zur Ein- und Durchreise für Belgien ist ausgefüllt. Meine Rechnungen bezahlt. Einen PCR-Test braucht man momentan nicht mehr. Lediglich 1000 Dalasi Flughafengebühr darf ich später noch entrichten. Momentan sitze und schwitze ich nochmal auf der Veranda im Patta Patta mit meiner Tasse Kaffee, bevor es abermals zum Strand für eine frische Brise und meiner letzten Mahlzeit geht. Sam wird mich um 15:30 Uhr abholen, obwohl mein Flug erst um 19:20 Uhr geht, weil der Verkehr leider unberechenbar ist. Janko kommt zuvor auch noch vorbei, um Geld für Baumaterial, welches mir Susi übergeben hatte, und das Auto bei mir für den nächsten Ofenbau in Musas Compound abzuholen. Ismaila hat sich noch telefonisch von mir verabschiedet und Solomon persönlich.

Wenn alles gut läuft, lande ich nach Zwischenstopp in Dakar morgen gegen 5 Uhr in Brüssel, wo es um 7:30 Uhr eine Stunde weiter nach Frankfurt geht. Dort wird mich mein Kumpel Tom auflesen, während meine Holde Brunch für uns vorbereitet. Einerseits verspüre ich eine Portion Wehmut rückblickend auf die außergewöhnlich schönen Erlebnisse, die erbrachten Leistungen der zwei Vereine, die gewonnenen Erfahrungen, geknüpfte Beziehungen und Freundschaften. Andererseits freue ich mich sehr, nach den mitgenommemen Repressalien, wieder in Deutschland anzukommen und meine Leute zu sehen.

23.10.2021 – Nun wieder rückblickend: Nach 19 Stunden Gesamtreisezeit und Zwischenlandungen in Dakar und Brüssel, legte die Maschine eine extra Runde in Frankfurt auf dem Rollfeld ein und die Koffer ließen 40 Minuten auf sich warten, sodass ich erst gegen 10:20 Uhr in Mainz ankam. Mit Tom und Vera hatten wir ein, von Steffi vorbereitet, ausgedehntes/n Frühstück/Brunch/Kaffee und Kuchen. Nach dem Schlemmen folgte die Müdigkeit und ich schätze es sehr, in den eigenen vier Wänden zu verweilen.

Die Jungs von Hand in Hand in Gambia haben sich da mehr ins Zeug gelegt, Schulausrüstung besorgt und an die Partnerschulen gebracht.

Meine abschließenden Reisegrüße gehen an alle Leserinnen und Leser meines Blogs. Vielen Dank für euer tolles Feedback. Ich freue mich nach wie vor, wenn ich mittels meiner Reiseberichte nicht nur meine Erlebnisse für mich dokumentieren, sondern euch mit auf mein Abenteuer nehmen kann.

03.11.2021 – Kurzer Nachtrag: Die Kinder in Prince bekommen nach wie vor zweimal wöchentlich von dem restlichen Spendengeld eine warme Mahlzeit bereitet.

Zudem konnte das Projekt neues Bohrloch samt Solar betriebener Wasserpumpe für die Patenschule in Chamen erfolgreich fertiggestellt werden. Die Schule wird nun endlich wieder mit Wasser versorgt.

Gambia – 16.10. – 18.10.2021

16.10.2021 – Mein Morgen lässt sich wie folgt unspektakulär zusammen fassen: Kaffee – lesen am Strand – American Breakfast – Schwätzchen mit Kalifa vom Patta Patta. Gegen 13 Uhr kam Susi mit Sam vorbei, der uns nach Sanyang an den Paradise Beach brachte. Zwischendurch füllte ich meinen Antibiotikavorrat in der Apotheke auf. Den wirklich schönsten Strandabschnitt genossen wir gefühlt alleine bis in den Sonnenuntergang hinein. Abschalten, relaxen, sonnenbaden, beim Beachyoga und Afrodance zuschauen, was fürs leibliche Wohl tun und einfach nur Fünfe grade sein lassen, standen auf dem überaus anspruchsvollen Programm;). Herrlich. Janko leistete uns dabei ab 16 Uhr Gesellschaft und brachte uns im Anschluss nach Kololi/Senegambia zurück.

So gemächlich wir es angingen ließen, umso aktiver waren Ali, Kebbah und Sulayman, die in der Northbank nach den Küchenutensilien und einen Teil der benötigten Lebensmitteln für Prince erfolgreich Ausschau hielten.

Unser Budget ist somit aufgebraucht, aber wir können am nächsten Mittwoch ein großes Einweihungsfest mit den Schülern und Lehrern in Prince feiern.

Auf der Baustelle leistete der Fliesenleger ganze Arbeit. Mit den Fliesen erhält der Ofen eine verlängerte Haltbarkeitszeit und sollte 15 Jahre überdauern können.

Weiterhin organisierte Lamin von Hand in Hand for the Gambia von Deutschland aus mit unseren drei gambischen Kollegen den Kick Off für die Installation eines Solarpannels, eines Bohrlochs und einer Wasserpumpe für unsere Patenschule in Chamen. Dafür mussten ebenfalls Angebote eingeholt und verglichen, die Finanzierung geregelt, sowie Materialien eingekauft und Arbeiter gefunden werden. Es ist sehr schön zu sehen, dass in so kurzer Zeit, in der ich in Gambia weile, so viele Projekte realisiert werden können oder ins Rollen kommen. Auch wenn ich die Fertigstellung des Hilfsprojektes für Chamen nicht mehr aktiv mitbegleiten kann, freut es mich unwahrscheinlich, dass der Verein dort eine weitere Verbesserung der miserablen Zustände erzielen wird.

Somit kann man sagen, dass es ein sehr produktiver Tag war – zumindest von Vereinsseite aus. Susi und ich genossen dabei unsere freie Zeit. Delegieren hat doch was für sich.

Die untergehende Sonne Sanyangs dürfen gerne im Besonderen Milli und Ömer, Kathi und Matthias, Herr Maus und Alex, Selina und Georg, Vale und Hannes, Lena und David, die liebe Anna, Chrissi und Tine genießen.

17.10.2021 – In der Früh besuchte mich Nuha im Patta Patta, um sich von mir zu verabschieden. Nächste Woche werden wir uns wohl nicht mehr wiedersehen. Er wollte mich aber nicht ohne Abschiedsgeschenk ziehen lassen, weshalb er mir sein afrikanisches Shirt überlassen hat. Es hat mich sehr gerührt.

Übrigens bin ich seit gestern aktives Mitglied von Family-Health-Projects Gambia e.V., denn auch nach meinem Engagement im Ofenbau möchte ich den Verein unterstützen. Susanne macht mit ihrem Team wirklich sehr gute und sinnvolle Entwicklungshilfe und trägt zur Verbesserung der Lebenssituation von finanziell schwachen Familien bei.

Mittlerweile verdichtete sich, dass ich mir tatsächlich einen Mango-Wurm eingefangen hatte. Meist werden diese durch Ratten oder über nicht ausreichend getrockneter und anschließend mit dem Boden in Berührung gekommener Wäsche oder Bettwäsche übertragen. Die parasitären Fliegenlarven brüten knapp zwei Wochen, bis sich der Wurm bildet und das Gewebe anfrisst, anschwellen und brennen lässt. Das würde zu meiner ersten Übernachtungswoche in Alis Compound in der Northbank passen. Der Wurm muss unbedingt unbeschadet herausgedrückt werden und darf nicht dabei zerplatzen. Genau das ist bei mir allerdings passiert, wodurch sich die Sepsis gebildet hat. Folgende Therapievorschläge finden sich im Internet: Man bestreiche die Wundöffnung mit Vaseline und nimmt dem Parasiten die Atemluft. Alternativ gehen auch Palmöl und Margarine. Das hatte ich den Einheimischen erstmal nicht geglaubt. Weiterhin kann man eine schöne Scheibe Speck auf die Wundöffnung legen, an der sich der oder die Würmer festbeißen und auch nicht mehr loslassen wollen. Man muss den Speck dann nur noch entfernen und voila – es ist angerichtet.

A propos, nach meinem morgendlichen Strandspaziergang und dem Genuss einer weichen Liege, folgte selbiger in meinem Stammrestaurant, dem Solomons. Vielleicht habe ich es mit der Sonne etwas übertrieben. Man könnte mich wohl jetzt mit einem Briten verwechseln. Nachmittags suchte ich nochmals den Schneider auf und hielt hier und da ein Schwätzchen. Die Locals sagen, ich solle ins Meer und mein ehemaliges (So hoffe ich zumindest!) Mangowurm-Domizil nach einem Salzwasserbad austrocknen lassen. Eine Restverhärtung von zwei Zentimeter Durchmesser ist immer noch vorhanden und könne auch noch einige Wochen so bleiben. Mhh… .

Erstmal abschalten, einen guten Tropfen mit Susi genießen, bevor wir in „The New Zebra Beachbar“ aufbrachen. Bakary stieß später noch in die Reggea-Bar dazu.

Meine chillaxten Grüße gehen an Tobi B., aus Gründen Pfälzer Leidenschaft.

18.10.2021 – Ich ging in die Verlängerung und schob auch heute eine ruhige Kugel. Will heißen: Außer Nahrungsaufnahme, relaxen, lesen ist erstmal wenig gewesen. Zufälligerweise traf ich dennoch ein paar bekannte Gesichter, u. a. Ismaila, mit dem Susi und ich ebenso für abends bereits verabredet waren. Im Restaurant „Justice“ wollten wir uns bei ihm endlich revanchieren, dass er uns zum House of Skills mitgenommen hatte. Es war, wie fast der ganze Tag, ein gemütlicher, netter Abend. Was mir nicht ganz so schön aufstieß, trug sich mittags auf der Straße zum Strand hin zu. Wieder einmal rannte mir jemand hinterher, wollte Geld von mir für Ataya und redete auf mich ein, bzw. wollte mir auch gar nicht zuhören. Ich ließ ihn stehen und weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, bin ich zum Kiosk gegangen, habe Ataya gekauft und ihm und seinen Kumpels vorbeigebracht. Darauf schaute er mich abfällig an, schmiss das Teepäckchen auf die Motorhaube und fragte, wo der Zucker bleibe. Ein anderer sagte mir, dass sie Geld brauchen, Tee hätten sie genug. Diese Dreistigkeit stieß mir mal wieder übel auf und für mich war das Gespräch damit zu Ende.

Schöner war, dass Steffi einen überraschenden Videoanruf bei unserem lieben Ömer eingefädelt hatte und wir ihm ein Ständchen zum Geburtstag singen konnten. Natürlich gehen meine Sundownergrüße an das Geburtstagkind. Lass dich hochleben mein Bester.

Gambia – 13.10. – 15.10.2021

13.10.2021 – Zwar blieben wir gestern mit dem Bus zwischendurch nicht in der Pampa stehen, der merkwürdige Geruch aus dem Motorraum machte uns dennoch nachdenklich. Eigentlich sollte deswegen gestern Abend ein Mechaniker in die Helping Charity Lodge kommen. Doch – er kam nicht! Dem zu Folge und weil die Lenkung heute Morgen wieder stark blockierte, fuhren wir nach dem Frühstück erneut nach Amdalai, um das checken zu lassen. Die Ursache, warum die Hydraulikflüssigkeit nicht eingezogen wurde, war erfreulicherweise schnell gefunden. Ein Rohr war verbogen, wurde gerichtet und der Flüssigkeitsbehälter befestigt. Kein deutscher Mechaniker will wissen, was wir dafür bezahlt haben. Unsere Fahrt konnten wir beruhigt fortsetzen. Es lief nicht nur wie neu geschmiert, sondern ließ sich einfacher lenken als je zuvor, sodass Susi den Bleifuß aufs Gaspedal stellte. Trotzdem kamen wir mit einer Stunde Verspätung um 11 Uhr in Prince an. Auf der Baustelle war reger Betrieb, da sich neben uns auch das Verputzerteam ans Werk machte und die Holzfäller und Dachdecker nach und nach eintrafen.

Sulayman musste zügig abdüsen, um weitere Materialien zu besorgen, Bakary und Solomon arbeiteten am Schornstein weiter, während ich lediglich Eisenstangen zusägen, Material schleppen und Beton mischen konnte. Zum Ende des Arbeitstages hin, stand der neue Ofen der Schulküche mit drei Kochstellen und die Freude war groß.

Über die Fortschritte der anderen Arbeiter halte ich selbstverständlich auf dem Laufenden.

Susi und ich kümmerten uns eher um Organisatorisches und Finanzielles. Mittlerweile haben wir unser Spendenziel von 2500 Euro erreicht. Wir sind unglaublich glücklich, stolz und von Herzen dankbar für so viel Spendenbereitschaft. Mit allem, was darüber hinaus reinkommt oder übrig bleibt, haben wir schon eine Idee. Bei Hand in Hand for the Gambia e.V. habe ich nach einer Finanzspritze angefragt, um Küchenutensilien zu kaufen und Tanja, die Vorsitzende, hat uns dies zugesagt. Mit jedwedem Überschuss wollen wir eine Kücheneinweihung mit Schulspeisung auf die Beine stellen.

Für die benötigten Küchenmaterialien, sowie die Lebensmittel musste ich mit den Frauen vom Küchenteam, dem Chairman, dem Vizerektor, dem Schriftführer und einem Übersetzer eine Aufstellung anfertigen und Kostenvoranschläge einholen. Man glaubt gar nicht, wie lange so etwas dauern kann. Mehrere Stunden – und fertig wurden wir damit heute nicht. Zudem habe ich in die Klassen geschaut, das Schulleben weiter dokumentiert und Susanne für einen Imagefilm interviewt.

Auf dem Rückweg legten wir einen Zwischenstopp an der Schule in Chamen ein. Der Rektorin konnte ich die frohe Botschaft überbringen, dass es Tanja von Hand in Hand geschafft hat, eine finanzielle Förderung von der Bundesregierung für ein weiteres Unterstützungsprojekt zu erhalten. Die Schule in Chamen soll in naher Zukunft eine Solaranlage und ein neues Bohrloch mit Wasserpumpe bekommen, um Elektrizität wieder herzustellen und die Wasserversorgung zu gewährleisten. Ein großes Dankeschön ergeht an alle im Verein Beteiligten, damit auch dieses Projekt Realität wird. Wichtiger war es aber für mich, unseren Patenkindern Rohey und Fatou von der KKR+-Schul-AG Hand in Hand for the Gambia nicht „Tschüss!“, sondern „Auf Wiedersehen!“ zu sagen. Fürs Erste ist ein Wiedersehen zwar nicht physisch, dann aber verstärkt über die medialen Plattformen möglich. Zusammen mit Lehrer Nuha Jarju interviewte ich auch sie nochmal, hätte beinahe meine Süßigkeiten für sie vergessen und gab ihnen meine Wünsche für die Zukunft mit. Im Nachhinein fällt mir der Abschied schwer.

Dass ich über die bis dato erlebten Geschehnisse noch berichten kann, grenzt an ein kleines Wunder. Solomon sollte sein fahrerisches Können schon längst unter Beweis stellen und wollte heute die finale Etappe nach der letzten Polizeikontrolle übernehmen. Gestern, das hatte ich vergessen zu erwähnen, sind wir knapp einer Strafe davon gekommen. Bakary hatte seinen Gurt nicht umgelegt, doch ich konnte die Ordnungshüter beschwatzen, sodass wir nicht blechen mussten. Schließlich sind wir hier als freiwillige Helfer für eine gute Sache. Doch zurück zu unserem „To fast and to confused!“-Solomon. Nach dem Motto: „Wer bremst verliert!“, wären wir auf den schmalen Holperwegen im Busch, nicht nur im selbigen gelandet, sondern beinahe frontal auf einen Baum geknallt. Bakary brüllte direkt nötige Gegenlenkungen und konnte das Ruder vom Beifahrersitz noch rumreißen. Den Dreh mit drei Pedalen hat Solomom noch nicht ganz raus. Komischerweise war er der Einzige, der nach dem ersehnten Stillstand und dem erlittenen Schock noch lachen konnte. Das Auto hat mittlerweile genug gelitten und ich bin froh, wenn wir es morgen nach unserem Ausflug zurück in unsere Appartements im Kombo schaffen.

Fürs Abendessen kamen wir gerade richtig an und auch der Sundowner ließ nicht mehr auf sich warten. Ich kletterte auf das Dach eines Geländewagens, um wenigstens einmal einen Sonnenuntergang in der Northbank sehen zu können. Widmen möchte ich ihn allen ehemaligen AG-Teilnehmern von unserem Schulprojekt. Ihr seht, wofür wir uns all die Jahre engagiert und angestrengt haben, trägt Früchte und hat sich wirklich gelohnt. Zusammen haben wir und können auch weiterhin viel zum Besseren verändern. Es hat sich für mich aufs Neue bestätigt, dass man nie allein ist, wenn man sich für etwas Gutes einsetzt. Hier vor Ort spüre ich für unseren Einsatz, aber auch die Unterstützung in der Vergangenheit, täglich unglaublich große Dankbarkeit und Wertschätzung. Leiter, Lehrer, Schüler, Hilfspersonal der Patenschulen, zusätzlich Anwohner und Arbeiter freuen sich stets, einen zu sehen und helfen mit, zusammen mit uns, etwas Wunderbares schaffen zu können.

Kleiner Hinweis am Rande. Natürlich entdecke ich im Nachhinein den ein oder anderen Schreibfehler. Leider funkt mir die Autokorrektur, sowie die abendliche Müdigkeit dazwischen und es kommt ebenfalls mal zu Formatierungs- oder Uploadschwierigkeiten. Meist gehe ich das Geschriebene später nochmal durch und korrigiere. Alle von mir nicht gefundenen Fehler, dürfen selbst behalten werden;).

14.10.2021 – Nach dem Frühstück hieß es, Abreise aus der Charity Lodge in Fass über Land nach Albreda, wo sich das Besucherzentrum und das Museum für die Geschichte der Sklaverei befindet.

Die Botschaft des Mahnmals in der Gedenkstätte ist klar formuliert. Niemals wieder darf es auf der ganzen Welt eine Trennung zwischen Schwarz und Weiß oder irgendeine Form der Sklaverei geben. Auf der Brust prangt das Zeichen eines Sklavenhalters, um den „Besitzer“ anzuzeigen. Teil der Führung war eine Bootsüberfahrt nach Kunta Kinteh – Island, vorher unter britischem Besitz bekannt als James – Island und davor zur Zeit der portugiesischen Fremdherrschaft als St. Andreas – Island bezeichnet. Mit einem Motorboot fuhren wir die 3 Kilometer raus zum kleinen Eiland, von dem, aufgrund der globalen Erwärmung, im Vergleich zum 15. Jahrhundert lediglich ein Zehntel Fläche übrig geblieben ist.

Hierher verfrachtete man die im Senegal, in Gambia oder Guinea-Buissau gefangen genommen Ureinwohner. Die Insel diente als Anlegepunkt für die Großen Handelsschiffe im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Nord- und Südamerika. Ebenso kann man es als Gefängnisinsel und Folterstätte bezeichnen. Nach Ankunft wurden die Menschen gebrandmarkt, eingesperrt, misshandelt oder vergewaltigt. Es gab sogar ein eigenes Gebäude, in dem die Wachmannschaften zechten und anschließend die Frauen vergewaltigen sollten, weil eine schwangere Sklavin auf dem Markt teurer verkauft werden konnte. Vom ehemaligen Fort und Gefängnis sind heute nur noch Mauerreste und 24-Pfünder (Kanonen) übrig geblieben.

Die Wasserversorgung war für die Sklaven miserabel, Nahrungsmangel, Krankheiten und Folter führten oft schon zum Tod, bevor man nach drei Wochen Aufenthalt auf das nächste Handelsschiff auf dem Weg in die Neue Welt musste. Fliehen konnte niemand von hier. Nicht nur, dass keiner schwimmen konnte, auch lauerten Krokodile auf leichte Beute. Wer auf der Insel starb, landete zudem als Tierfutter im offenen Meer. Auf dem Schiff war es auch nicht besser. Von circa 15 Millionen afrikanischen Sklaven starben gut 1/3 auf der Überfahrt. In den Lagerräumen drängten sie sich wochenlang, angekettet, in den eigenen Exkrementen zusammen, nur um dann in der Neuen Welt verkauft und voneinander getrennt zu werden. Ihr Leben frusteten sie meist auf einer Plantage oder als Bedienstete für ihre weißen Herren, die sich eine goldene Nase verdienten.

Der wohl berühmteste Sklave war eben dieser gewisse Kunta Kinteh, ein stolzer, mutiger Krieger aus dem Stamm der Mandinka. Er hatte sich beim Holzsammeln im Busch den portugiesischen Aggressoren entgegengestellt, hatte keine Chance gegen die Übermacht der Soldaten mit ihren Musketen und wurde auf die Gefängnisinsel gebracht, drei Wochen lang aufgrund seiner Aufmüpfigkeit in den Kerker geworfen, bis er nach Virginia verfrachtet und dort verkauft wurde, um auf der Tabakplantage zu arbeiten. Sein Master gab ihm den Namen „Toby“, den er nie akzeptierte und stur an seiner Herkunft festhielt. Natürlich versuchte der stolze Krieger, mehrfach zu fliehen. Nach der dritten Flucht hat man ihm einen Fuß amputiert. Mit der Zeit hat der Master ihm erlaubt, seine Bella (mit afrikanischem Namen: Fanta) zu heiraten und wurde später sogar freigelassen. Zusammen hatten sie eine Tochter. Deren Nachfahren leben in der 8. Generation fort in der USA und hier in der Nähe des Museums, welches wir anschließend besuchten.

In Barra angekommen, hat uns die Warteschlange der zahlreichen, längst eingestaubten Autos erschreckt. Wir sind einmal zuversichtlich mit der Hoffnung auf Bevorzugung, weil wir eine gemeinnützige Organisation sind, daran vorbei geschlichen und versuchten unser Glück bei mehreren Ordner und Aufsehern, einer Kassiererin und nahmen gerne deren „Hilfe“ an, was so viel heißt wie, Schmiergeld zahlen. Anscheinend war das aber nicht genug. Zwar konnten wir vor der großen Schlange in den Wartebereich zur Fähre einfahren, mussten aber dennoch insgesamt zweieinhalb Stunden warten, bis wir aufsetzen konnten. Bis wir Senegambia und ich das Patta Patta erreichten, war es bereits 19 Uhr. Ich bezog Zimmer 9 und nahm wie immer erst einmal eine Grundreinigung durch, fegte Termitenrückstände, Insekten und Kot hinweg, suchte mir aus den anderen Appartements, die leer standen, die notwendigen Badezimmerutensilien und was ich sonst noch so brauchte, zusammen und musste auch meine Rücksäcke, Kleidung und Schuhe entstauben, bevor ich unter die Dusche hüpfen konnte. Was eine Wohltat. Zum Dinner versammelten wir uns dann alle nochmal im Solomons, um auf unsere geleistete Arbeit „anzustoßen“ (außer der sportfanatische Christ, der gläubige Moslem und der Antibiotika nehmende Tubab).

Die Jungs vom Patta Patta, meine mir bekannten Taxifahrer und Mr. Bah von meinem Stammkiosk luden mich zum Ataya-Trinken ein und wollten natürlich alles von meinen Erlebnissen der vergangenen Tage wissen. Trotz meiner Müdigkeit konnte ich natürlich nicht „nein“ sagen und gesellte mich noch bis spät in die Nacht zu ihnen, aber nicht, ohne meine Grüße da zu lassen. Die gehen an meine Mainzer Buddys. Wird mal wieder Zeit für einen Spelunkenauftritt, den sehne ich echt herbei.

15.10.2021 – Gemäß dem altbekannten Spruch im öffentlichen Dienst: „Freitag ab eins, macht jeder seins!“, war nach ausschlafen, frühstücken und Wäsche machen, wozu ich auf das bewährte „Rei in der Tube“ zurückgriff und mir zwei Bottiche schnappte, lesen und gammeln am Strand angesagt, welches zeitweise zwecks Nickerchen und Nahrungsausfnahme unterbrochen werden musste. Ins Wasser konnte, sollte und wollte ich daher nicht, da meine Wunde an der Wade ihre Kruste verloren hatte und ich sie abband, damit keine Verunreinigung hinein kommen kann. Nach Rücksprache mit Arzt und Apotheker verlängere ich die Antibiotikaeinnahme, weil die Verhärtung, lokal und kleiner werdend, anhält. Nach meiner Heimkehr werde ich Hausarzt und Chrirug für eine Ultraschalluntersuchung aufsuchen. So langsam macht sich das Gefühl des Endspurts breit. In genau einer Woche werde ich die Rückreise antreten und irgendwie sind bis dahin schon alle Tage verplant. Nach all den anfänglichen und später hinzukommenden Schwierigkeiten der letzten Wochen, in denen ich mir teils die Frage gestellt hatte, wie lange macht es Sinn, unter den gegebenen Umständen hier zu bleiben, vergeht die Zeit gerade wie im Fluge, weshalb ich die verbleibende nutzen möchte, um die einzelnen Momente entschleunigter, sowie bewusster wahrzunehmen.

Mittlerweile jedoch wird mir der Kontakt mit den heimischen Leuten, die eine Dienstleistung anbieten (Maniküre, Pediküre, Schuhreparatur, Massage, Taxifahrt, Strandmusik, …), etwas verkaufen (Essen, Schmuck, Kleidung, Sonnenbrillen, …) oder schlichtweg einfach nur so Geld von einem haben wollen und dabei auch in der Ansprache sehr penetrant sein können, zu viel. Zudem will ich weder eine gambische Frau, noch eine deutsche Freundin an einen Gamber vermitteln. Ich weiß, dass jeder Geld braucht, aber jedem kann und will ich meines nicht geben. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich die zweihundert Meter vom Patta Patta zum Strand ohne Unterbrechung laufen kann.

Während ich es ruhiger angehen ließ, schreitet der Küchenbau weiter voran. Es folgten das Einsetzen von Tür und Fenstern, das Dach wurde gedeckt, woraufhin auch das Betonieren und Verpflastern zwischen Wänden und Dach angegangen werden konnte.

Bis in die Nacht hinein waren Susi und ich auf Tubab-Tour auf der Partymeile des Senegambia-Strips. Normalerweise ist erst Ende November bis Januar Hochsaison für Touristen. Wenn zuvor welche da sind, geht’s für die meisten zum Schlemmen, Trinken und Schwofen genau hierher. Die Locals dagegen feiern eher auf dem Kololi-Strip. Schwofen ist übrigens der passende Ausdruck, denn wir waren mit Abstand die Jüngsten im „Choosan“ und dazu noch ein rein „europäisches Pärchen“. Anzutreffen war hauptsächlich (Wer hätte das gedacht?) das ältere, weibliche Tubab-Semester mit ihren gambischen Boomsters (= Aufreißer). Na ja, muss jeder selbst entscheiden. Die Musik war ordentlich und ich in bester Gesellschaft.

Meine Freitagsgrüße sende ich mit doppeltem Durchschlag, überbracht mit Hilfe des Lochmappenbeauftragten, an meine und Steffis Freunde und Bekannten im öffentlichen Dienst, allen voran Tom, Vera, Lisa und Svenji. Jetzt steche ich mich aus und bin raus.

Gambia – 10.10. – 12.10.2021

10.10.2021 – Endlich soll es zurück zur Northbank gehen, um Quartier zu beziehen, die Baustelle zu besichtigen und die weiteren Bauschritte in die Wege zu leiten. Jedoch kam der Firmenbus von Family-Health-Projects gestern nicht mehr aus der Werkstatt, weshalb wir gerade hoffen, dass er heute möglichst früh fertig repariert wird und wir ihn abholen können.

Wie so oft, war das erneut deutsches Wunschdenken. Nachdem ich gefrühstückt, gelesen, meine Sachen gepackt, weiter in der Strandbar gelesen, Mittag gegessen, noch mehr gelesen und Kaffee getrunken hatte, bekam ich die Nachricht, dass ich mich zu Susis Appartement aufmachen kann, damit wir den bis dato unfertig reparierten Bus abholen können.

Um mein Bein zu schonen, blieb ich dort, während die anderen mit meinem Taxifahrer weiter nach Serekunda zur Werkstatt fuhren. Was konnte ich tun, um mir beim Bein hochlagern die Zeit zu vertreiben? Lesen. Es dauerte tatsächlich 2 1/2 Stunden, bis Susanne und Bakary mit Solomon im Schlepptau, einem halbreparierten Firmenbus und dem Arbeitsmaterial zurückkamen. Rasch luden wir das Gepäck ein und erreichten die Fähre in Banjul einmal wieder genau zur rechten Zeit. Im Vorfeld hatte Janko seine Tante bei der Fährgesellschaft informiert, dass wir heute übersetzen wollen und wir ein Hilfsprojekt unterstützen, wodurch wir uns direkt in den Autokorso einfädeln durften, ohne es auf gut Glück zu probieren oder auf die tagesaktuelle Laune des Einweisers angewiesen zu sein.

Somit hatten wir noch den vorletzten Platz auf der Fähre ergattert und haben uns sichtlich gefreut. Von Barra aus setzen wir die Anfahrt nach Fass zu unserer Unterkunft fort. Währenddessen lernte ich ein neues Wort in Walluf, welches man hier in der Northbank auf die unzähligen und uns stets an der Straße entgegen gebrachten „Tubab! Tubab!“ – Rufe erwidern kann. „Mofit!“, was im Vergleich zu „Weißer! Weißer!“ „Schwarzer!“ bedeutet. Jetzt darf darüber gestritten werden, ob man das, trotzdessen man selbst auf seine Hautfarbe reduziert wird, antworten sollte. Die meisten Menschen, oft Kinder, die hinter einem „Tubab!“ herrufen, haben noch nie oder selten einen Menschen mit heller Hautfarbe gesehen, freuen sich vielmehr, als das sie damit beleidigen wollen. Im Gegenzug schauen sie verdutzt, wenn man mit „Mofit!“ antwortet, allerdings, weil sie nicht erwarten, dass man ihre Sprache spricht. Die meisten Gamber, die ich getroffen habe, waren davon sehr beeindruckt, dass ich mir die Mühe mache, ihre Sprache ein wenig zu lernen und mich sehr für die Kultur interessiere. Mittlerweile habe ich den Beinamen „Kuntha Kinthe“ bekommen. Das war der ursprüngliche Name der gambischen Hauptfigur aus dem Film „Roots“, den ich mir sofort anschauen muss, sobald ich in der Heimat weile. Der Film thematisiert den Sklavenhandel. Ein Junge wird an einen weißen Master verkauft, der ihm seinen neuen Namen, „Toby“, gibt. Das passt ja, denn bisher habe ich mich immer mit „Toby“ vorgestellt. Mehr weiß ich allerdings noch nicht. Aber ich habe beschlossen, sobald sich die Gelegenheit bietet, hier in der Northbank nach Georgetown auf den ehemaligen Sklavenmarkt zu gehen, in die Geschichte dazu einzutauchen und Kuntha Kinthe Island zu besichtigen. Abschließend zur Frage, ob man das so sagen darf, „Weißer!“ oder „Schwarzer!“ Meiner Meinung nach sollte man den kulturellen Hintergrund, sowie den ortsspezifischen Sprachgebrauch kennen, die Wirkungsweise zumindest so einschätzen können, dass man niemanden beleidigt oder gar rassistisch angreift.

Unsere Bleibe, in der wir bisher vier Übernachtungen einplanen und auch nicht überziehen wollen, es sei denn, wir brauchen einen Arbeitstag mehr, ist die Charity Lodge Gambia in Fass. Deutlich fühlt man sich in dieser Anlage wohler als in einem bescheidenen Compound.

Ehrlich gesagt, hatte ich bisher keine so komfortable Unterkunft wie diese. Leider gibt es unglaublich viel Ungeziefer im Freien, daneben goldige Igel, welche sich in Punkto Ungeziefer weit mehr freuen, als wir, ettliche gewaltige Fledermäuse und in Solomons erstem Zimmer, bis er es gewechselt hat, einen morzmäßiggroßen Gecko. Verlängern möchte ich trotzdem nicht, sondern brenne darauf, mich endlich vor Ort in Prince beim Bau der Schulküche einbringen zu können.

Das Bild zeigt den momentanen Stand. Natürlich schafften wir es heute nicht mehr, die Baustelle vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen und zu besichtigen. So spielten wir nach dem Abendessen ein paar Spiele, führten uns gegenseitig Kartentricks vor und genossen das Zusammensein unter dem Sternenhimmel Westafrikas.

Hand in Hand for the Gambia e. V. hat ganz nebenbei ein weiteres Hilfsangebot verwirklichen können. Die renovierte Bibliothek in Chamen konnte jetzt mit den neuen, notwendigen Möbeln ergänzt werden. Vielen lieben Dank Tanja, Lamin und Roland für eure organisatorische und administrative Arbeit und alle weiteren Supporter des Vereins.

Meine sonnigen Grüße gehen heuer an Familie Seccosan, im Besonderen an den lieben Emil. Danke für dein schönes Bild und keine Angst, weder Krokodile, Affen, Moskitos, Kreuch- und Fleuchgetier, … noch die Fledermäuse haben mich bisher klein gekriegt.

11.10.2021 – Nachdem ich mich brav geschont und meine Antibiotikamittel eingenommen hatte, traute ich es mir zu, mit voller Tatkraft beim Ofenbau zu unterstützen. Nach kurzer, heißer, erster Nacht in der Charity Lodge und einem typischen Weißbrot und Ei lastigen Frühstück, dafür mit deutschem Kaffee (Susi sei Dank!), fuhr uns Susi über die holprigen Landstraßen zur Tankstelle in Ndungu Kebbeh, wo uns bereits Sulayman und Ali auf ihren heißen Öfen erwarteten und uns nach Prince eskortierten.

Nach über einer Stunde erreichten wir die Circle School, wo die Arbeit schon voll in Gange war. An dieser Stelle mussten wir den ganzen Arbeitern ein großes Lob aussprechen, denn sie haben wirklich Gas gegeben und einen tollen Bau in europäischer Standardzeit hochgezogen. Alle haben sich sichtlich  auf das Wiedersehen gefreut und auch Susis Trupp wurde mit offenen Armen empfangen. Zuerst haben wir uns über den Baufortschritt erkundigt und die nächsten To do’s besprochen, damit neben dem Ofenbau der Schlosser, der Verputzer, die Dachdecker und später der Streicher anrücken können. Nebenbei konnte ich meine ersten Interviews für den kommenden Imagefilm von Hand in Hand for the Gambia abhalten. Leider musste ich zwischen dem Arbeiten feststellen, wie scharf der Drill an der Schule ist. Alle Schüler in eine Uniform zu stecken, um keine vordergründige Unterscheidung zwischen Arm und Reich zu offenbaren ist das Eine. Aber zum Beispiel vorzuschreiben, wie die Haare geflochten werden müssen, damit man nicht nach Hause geschickt wird, geht für mein Empfinden zu weit. Zwar habe ich hier keinen Missionsauftrag, als ich aber sechs Schüler auf dem Boden knieend mit über den Köpfen gestreckten Händen sah, konnte ich nicht anders, als meinen Unmut freien Lauf zu lassen. Es sah aus, wie eine Verhaftung oder schlimmer, eine Hinrichtung mit Schuss in den Rücken. Tut mir Leid, für dieses Bild, aber das ging mir dabei durch den Kopf. Mit einem weiteren Lehrer löste ich die Situation auf und beschwerte mich anschließend beim Direktor, den ich als wirklich tollen Schulleiter kennen gelernt hatte. Er versicherte mir, dass er solch eine Bestrafung nicht duldet und der Lehrer falsch gehandelt hat. Die Schüler hatten sich nicht konzentriert. Wie denn auch, mit leerem Magen und ihren ganz persönlichen Sorgen?

Dann schritt ich zur Tat und schwang die Kelle, mixte Zement, trug Schutt zum Füllen zusammen und zog Lehrer und den Direktor, der es sich ebenso nicht nehmen ließ, anständig dran zu klotzen, mit. Es hat sich eine schöne Eigendynamik entwickelt und wir sind zügig vorangekommen.

Susi führte die Aufsicht über den Bau, versorgte uns köstlich und brachte uns nachmittags sicher zur Kerr Marry Lower Basic School von Sulayman, der uns auch dort vorstellte und herumführte. Die Schule ist erst vier Jahre alt und wurde von der Holland Foundation errichtet, wodurch es sich um eine besser gestellte Schule handelt. Dennoch wollte man hier erneut unseren Support, den wir ablehnen mussten, da unser Engagement ein gewisses Level nicht überschreiten kann. Von dort loszukommen, gestaltete sich schwerer als erwartet. Der Bus streikte einmal mehr. Dieses Mal war die Hydraulik dran, weshalb es nicht mehr möglich war, zu lenken. Sulayman holte uns entsprechende Flüssigkeit zum Nachfüllen und wir setzen zum Heimweg an.

In der Lodge genoss jeder zuerst eine wohlverdiente Dusche. Team Susi & Solomon hatten daraufhin ein Workout, Bakary betete und ich musste so langsam irgendwie Speicherplatz schaffen, bis das Abendessen, Chicken Yassa mit Reis, anstandt. Im Anschluss zeigte mir Spaßkanone Solomon die Grundschritte des Afrodance, welche ich anfangs eher hölzern, mit der Zeit geschmeidiger mittanzte. Im Gegenzug durfte er bei „Killing in the name of“ von Rage against the Machine durchdrehen, wobei das immer noch sehr nach Reggeamoves bei ihm aussah. Bis in den späten Abend spielten wir zusammen Karten und flaxten herum.

Ein weiteres Dankeschön geht an Elmar und Sina für ihre Spende. Sehr lieb von euch und mal schauen, ob morgen, am Stichtag noch jemand dazu kommt. Anbei möchte ich meine komplette Verwandschaft grüßen. Ich freue mich auf ein ausgedehntes Wiedersehen.

12.10.2021 – Vorneweg: Heute hielt das Auto durch;) und wir kamen gegen 10 Uhr nach einer Stunde Fahrtzeit in Prince an. Ich führte, bevor ich im Beton wühlte, ein Interview mit dem Headmaster Modou Joof, der mir über das Schulleben, die Schüler und vorhandene Problematiken Rede and Antwort stand, aber auch meinen kritischen Fragen zur Regierung und dem Wert von Bildung nicht aus dem Weg ging. Daraufhin packten wir beide beim Ofenbau an und unterstützten zusammen mit zwei Arbeitern das Team von Family-Health-Projects. Auf den getrockneten Grundblock wurden nun die alten oder geliehenen Töpfe als Schablone aufgestellt, die Maße markiert und dem entsprechend erst eine, dann die zweite Reihe rote Ziegelsteine betoniert. Zuletzt begannen wir, den Schornstein zur Hälfte hochzuziehen.

Zwischendurch ließ ich es mir nicht nehmen, nochmals in den Unterricht hinein zu schauen. In einer Klasse stand zum Beispiel körperliche Ertüchtigung auf dem Stundenplan. Der Lehrer probte mit den Schülern erst etwas in der Praxis das Passen und Stoppen eines Fußballs, den Weitsprung und den Start bei einem Lauf. Die Theorie dazu wurde infolgedessen im Klassensaal erklärt. Man versucht mit den wenigen Mitteln und Möglichkeiten das beste daraus zu machen.

Um 16 Uhr waren wir für heute fertig und traten den Heimweg an. Wie bisher chauffierte uns Susi gekonnt über die abenteuerlichen Buckelpisten, die es wirklich in sich haben. Man sollte hier nicht seekrank sein, auch wenn die Fahrt über Land ging. Und das sogar bis zur senegalesischen Grenze nach Amdalai, nicht weit von Fass entfernt, um dort Geld abzuheben, Früchte und Getränke, sowie Einsenrohre zu kaufen. Vorsorglich habe ich noch einen Arzt- und einen Osteopathietermin nach meiner Heimkehr ins schöne Mainz am Rhein vereinbart. Ebenso hielt ich Rücksprache mit meinem Cousin, seines Zeichens Arzt und mit meinem Apotheker des Vertrauens, um den Verlauf der bisherigen Therapie zu beleuchten. Sie konnten etwas meine Bedenken zerstreuen, weshalb ich, sollte sich nichts verschlimmern, in Gambia deshalb nicht mehr zum Arzt gehen würde. Daraufhin gab es Abendessen und es kam anschließend zum Aufeinertreffen der unterschiedlichen Religionen und Kulturen, sodass sich ein Christ, ein Moslem mit einer Agnostikerin und einem Atheisten angeregt, aber fair und weltoffen mit einander diskutierten. Dabei trafen nicht nur Meinungen, sondern Welten aufeinander.

An diesem Abend möchte ich abermals Jan Schroer für seine medizinische Begleitung und seinen steten Rat danken, sowie Dr. Ulli Herr für dessen Ferndiagnose und Beratung.

Gambia – 07.10. – 09.10.2021

07.10.2021 – Meine Schmerzlinderung war nur von kurzer Dauer. Momentan kann ich mein Bein nicht ganz durchstrecken. Die Schwellung an der Wade hat erneut etwas zugenommen. Alles spannt, brennt und schmerzt. Allein mit der Cortisonsalbe wird es wohl nicht getan sein. Ich sollte somit bald einen Arzt aufsuchen. Zuerst steht aber das Finishing für den Ofen in Brikama an. Ich will die weiteren Arbeitsschritte lernen und sehen, wie der Ofen fertiggestellt wird. Dort im Compound eingetroffen, begegnete mir Aminat, die sich erst nach mir floskelhaft erkundigte und sich danach meiner Infektion annahm. Es stellte sich raus, dass sie von Berufs wegen Krankenschwester ist. Ich hatte ein gutes Gefühl bei ihr und sie drückte mir beherzt ziemlich viel eiterndes Sekret aus dem Einstichsloch. Leider tat sie dies, ohne mein Desinfektionsmittel zu nutzen. Einen Mango-Wurm oder Sandfloh habe ich glücklicherweise nicht gesehen. Aber es könnte sein, dass noch nicht alles rauskam, da oberflächlich eine zu starke Verhärtung vorherrschte. Ein Antibiotikum und die Cortisoncreme hatte ich dabei und nehme dies weiter, um eine Lockerung rund um den Infektionsherd zu erzielen. Im Notfall muss ich selbst drücken, pressen, säubern, desinfizieren. Nach dem Eingriff fiel es mir leider noch schwerer zu stehen und zu laufen, weshalb ich keine große Hilfe auf der Baustelle war. Dummerweise stellte sich heraus, dass mir mein Körper als Reaktion auf das Antibiotikum mit einem Hautausschlag dankte. Ich würde sagen, wenn es einmal läuft, dann richtig. Immerhin kann ich vom Ofenbau nur Positives berichten.

Nachdem gestern die Kochstellen gefertigt und der Schornstein angefangen wurde, musste dieser heute erweitert und mit einem Rauchabzug versehen werden. Ebenso mussten die Zwischenräume mit Steinen gefüllt und anschließend mit Beton versiegelt werden, nachdem erneut eine Verschalung angebracht wurde.

Die Kochtöpfe wurden auf die Backsteinblöcke aufgelegt, dann einbetoniert und später sanft aus dem abgehärteten Beton herausgedreht, sodass sich Alui auf ihre neue Kochstelle freuen konnte.

Auf dem Rückweg musste der Firmenbus erneut in die Werkstatt und wir mit dem Taxi heim. Hoffentlich bekommt der Mechaniker die Elektronik bis zu unserer Tour in die Northbank hin.

Und auch aus Prince gab es erfreuliche Nachrichten. Der Neubau der Schulküche schreitet wie geplant voran.

Als Nächstes müssen wir zwei Fenster und die Tür besorgen. Das Dach kommt erst nach dem Ofenbau dran.

Zu guter Letzt sind auch die Schuluniformen von Ali und seinen Kollegen fertig geschneidert und an die Patenkinder verteilt worden. Dass die Uniformen unterschiedliche Farben haben, liegt jeweils an der Schulzugehörigkeit. In Chamen wird zum Beispiel leuchtendes Blau getragen. Man muss schon sagen, unsere Teams machen gerade sehr gute Arbeit. Sicherlich sind alle zudem von der großen Spendenbereitschaft angespornt und wollen zeigen, dass das Geld an der richtigen Stelle ankommt.

Außer für ein Abendessen im Restaurant habe ich jeden weiteren Schritt vermieden, massiere meine Wade und versuche meine Muskeln zu lockern. Morgen kann ich relaxen und dann sieht die Welt bzw. mein Bein bestimmt wieder besser aus. Meine abendlichen Sundownergrüße gehen an Annemirl und Joachim. Vielen lieben Dank für eure Unterstützung und dass ihr mein Auto während meiner Reise hütet.

08.10.2021 – Es war wirklich schön, aufzuwachen und sich wieder halbwegs bewegen zu können. Dennoch ist der Infektionsherd am Bein weiterhin dick, warm und spannt. Vielleicht muss ich nochmal drücken. Zuerst stand aber die Verlängerung meines Visas an. Ich dachte, ich kümmere mich frühzeitig darum, denn wenn es in fünf Tagen abläuft, bin ich auf der Northbank und das kann immer ein Problem sein. Thomas, seit langem mit mir der einzige Bewohner des Patta Patta, nahm mich mit auf das Revier für Ausländerangelegenheiten und ließ seine Beziehungen spielen. Normalerweise hätte ich keine Verlängerung vor Ablauf bekommen. Tausend Dalasis, wie bei Einreise am Flughafen, musste ich dafür investieren. Anschließend war es Zeit, sich auch schon einmal Gedanken über den Rückflug, Flugdetails und Eireisebestimmungen zu machen, bevor ich mir eine Massage im Hotel African Princess mit der Hoffnung gönnte, dass meine Verspannumgen in Armen, Rücken und Nacken, genauso etwas mehr gelöst werden können, wie an meinem schmerzenden Bein.

Meine erste Mahlzeit wollte ich mittags im Solomons mit herrlichem Blick auf das Meer einnehmen. Ein ungutes Gefühl begleitete mich dabei, weil zwei Männer bei gelbrot gehisster Warnflagge eine gute halbe Stunde raus aufs offene Meer schwommen, um, wie ich zuerst dachte, zu ihrem dort ankerten Fischerboot zu gelangen. Sie wurden mit der Zeit von der Richtung des Bootes abgetrieben, die Bewegungen wurden schneller und sie schwammen an den Strand zurück. Die Gedanken an die Gefahr des Ertrinkens ist mir hier stets präsent. Gestern erfuhr ich, dass neben Unterernährung und Malaria (hauptsächlich bei Kindern) ebenso das Ertrinken eine der häufigsten Todesursachen in Gambia ist.

Leider ist meine Wade weiter angeschwollen und ich drückte mindestens nochmal genau so viel Schmodder heraus wie gestern Schwester Aminat. Ich dachte, das ist echt erfolgsversprechend und ich habe echt fast eine Stunde auf der Veranda gesessen und Flüssigkeit herausgepresst, nur um im Nachhinein feststellen zu müssen, dass es etwas später wieder auf gleiche Größe anschwillt. Also entschied ich mich, einen Arzt aufzusuchen. Susanne und Bakary haben sich direkt bereiterklärt, mich in die Klinik in Senegambia zu begleiten. Um einen Arzt zu sprechen, muss man erst einmal 1000 Dalasi zahlen. Dafür, so stellte sich später raus, war das ein Pauschalpreis für Diagnose und Behandlung. Doktor Bah stellte fest, dass es sich um eine Sepsis durch Bakterien oder einen Virus handelt, die sich wenigstens nicht Richtung oben zu den Organen hin ausbreitete, sondern den lokalen Brandherd und den Fuß anschwellen ließ. Es war ganz gut, dass schon Sekret herausgeholt wurde. Somit wurde erstmal das Gewebe angegriffen, sollte sich nicht weiter ausbreiten und nicht lebensbedrohlich sein. Da mein bisheriges Antibiotikum allergische Reaktionen bei mir auslöste, verschrieb mir der Arzt eine Kombination aus zwei weiteren, die ich nun 5-7 Tage einnehmen muss. Dazu kommt noch Füße hochlegen, kein Wasser oder Dreck auf die Wunde kommen lassen. Aber auch nicht pflastern, da sich darunter dann die Hitze staut. Gerade jetzt, wo es bald an den Ofenbau in der Northbank gehen soll, kommt das sehr ungelegen. Ich hoffe, dass mein Körper schnell eine Verbesserung vorzeigt.

Den Abend verbrachte ich in Schonhaltung bei Susi, die mir ein köstliches Benechin zu bereitete und sich toll um mich kümmerte. Von daher gehen meine abendlichen Grüße an Bakary und sie. Vielen Dank für eure Hilfe.

09.10.2021 – Schontag. Tabletten nehmen, Fuß hoch lagern, Wunde sauber halten, im Bett liegen, langweilen. Wer mich kennt, weiß, wie schwierig das für mich ist. Immerhin schwillt mein Bein langsam etwas ab. Mit vielen neuen aktuellen Impressionen kann ich somit nicht dienen. Vielleicht gibt es nachher noch ein Potpourri vergangener Aufnahmen.

Vorab: Wir sind auf der Zielgeraden unserer Spendenaktion, die am Montag auslaufen und uns die Finanzierung der kompletten Schulküche in Prince sichern soll.

Gestern Abend sind wir nochmal die Kalkulation durchgegangen und haben Bilanz gezogen. Unser anvisiertes Ziel von 2500 Euro für den kompletten Bau, samt Material und Arbeiter, ist sehr realistisch. Allen bisherigen Spendern gehört ein riesiges Dankeschön, dafür, dass wir mit zusätzlich vieler freiwilliger Arbeit unserer Teams von Hand in Hand for the Gambia e.V. und dem Family-Health-Projects Gambia e.V. eine Schulküche kostengünstig, dennoch qualitativ hochwertig errichten und der Schulgemeinschaft eine warme Mahlzeit am Tag ermöglichen können. Wer sich ebenso noch zu den Unterstützern gesellen möchte, darf dies natürlich gerne.

Kontoinhaber: Family-Health-Projects e.V.

Kontonummer: DE11 5519 0000 0112 8140 17

Kreditinstitut: Mainzer Volksbank

Verwendungszweck: Schulküche Prince

Bettlegerig war ich brav, bis mich um 16:15 Uhr Susi zu einem frischgepressten Saft bei Aladin (zwischen Swiss Bar und Monkey Park) rausklingelte.

Es war gut, an der frischen Luft zu sein und zusammen abspannen zu können, bis ich zum Abendessen schlenderte und nicht „Nein!“ sagen konnte, als mich die Jungs von der Security im Patta Patta zum Kartenspielen aufgefordert hatten. Seit ich ihnen „Mau Mau“ gezeigt habe, ist es der Renner und weil ich die nächste Zeit eh nicht da bin, habe ich ihnen meine Spielkarten geschenkt. So ein Nachtwächterjob muss ja nicht stets langweilig sein. Trotz Wochenende habe ich mich früh verabschiedet, um morgen fit auf die Northbank zu kommen.

Wie angekündigt füge ich nun ein paar weitere Impressionen der letzten Wochen ein, die es noch nicht in den Blog geschafft hatten:

Muss sich die Schülerin gleich übergeben? Unpünktlichkeit beruht hier oft auf zwei  Gründen: 1. Man muss für die Familie da sein und arbeiten. 2. Der tägliche Fußweg zur Schule von bis zu 8 Kilometern ist kein Zuckerschlecken und dauert bis zu 2 Stunden.
Durch die Hitze reiften meine Früchte nach. Ich hatte sie eingepackt im Auto liegen lassen und hatte somit ungewollt, aber nicht schlecht schmeckenden, meinen ersten gambischen Bratapfel.
Man muss darauf achten, genügend Flüssigkeit und Vitamine zu sich zu nehmen. Die Menschen außerhalb der Städte leiden oft auch unter Mangelernährung.
Alui bereite in ihrem Compound Essen zum Verkauf zu.
Neben Obst und Gemüse aus dem Hausgarten, produziert sie Erdnusspaste für Domoda, Fischsauce, Palmöl und räuchert Fische. Der für die meisten Gamber obligatorische Jimbo (= Maggiwürfel) darf beim Verkauf nicht fehlen.
Die Landschaft überrascht doch immer wieder mit schönen Ecken.
Die Moscheen sind das religiös-kulturelle Zentrum der Städte. Meist sehen sie nicht so prachtvoll aus, wie diese sehr große.
Auf dem Markt in Tanji herrscht immer Hochbetrieb.
Auf dem Weg dahin und sonst ebenso verstärkt am Wochenende sind die Geisterbeschwörer, gefolgt von großen Prozessionen, unterwegs, um laut afrikanischem Glauben die bösen Geister zu vertreiben. Dafür wollen sie nebenbei natürlich Geld.
Der wahre Mr. Crabs.
Auf dem Rückweg zur Anlegestelle im Makasutu Forrest war die Gegenströmung nicht unwesentlich, weshalb ich mit einer Sitzbank mitpaddelte.

Es folgen Bilder, die das geschäftliche Leben an den Hauptstraßen zeigen:

Schlachtvieh und heimisches Essen gibt es hier klar halal an kleinen Buden.
Gebaut wird ständig und zu Hauf. Teils steckt Geldwäsche dahinter, was dazu führt, dass viele Bauten angefangen, aber nie fertig gestellt werden.
Gambia – das Land mit 2 Millionen Menschen und bestimmt doppelt so vielen Autos. Kaum verwunderlich, denn ständig ist eines kaputt, muss zur Reparatur oder bleibt als Schrott und Ersatzteillager am Straßenrand stehen.
Wie die traditionelle Mode. Bei Rädern und vor allem Motor betriebenen, sowie bei Trucks und Bussen gilt das Motto: Hauptsache bunt.
Pferde und Esel, die als Transportmittel eingesetzt werden, suchen sich bei der Bullenhitze einen Schattenplatz unter dem Arbeitskarren.

Der Warenverkauf findet meistens an der Straße statt. Mit der Präsentation der Produkte entfällt die Werbung.

Künstlerisch kann man hier mit unseren Graffitis mithalten.
Holzschnitzereien gibt es nicht nur auf den Craftmarkets.
Indiana Jones lässt grüßen – lecker Affenhirn;).
Riesige Termitenbauten tauchen immer mal wieder auf.
Diese Palmenart schlängelt sich fast im perfekten 360° – Kreis erst am Boden, bis sie sich nach oben reckt. Daher wird sie auch Kobrabaum genannt.
Mein Lieblingsbaum in Gambia – Mahagoni.
Oft warten hier Tagelöhner im Schatten auf eine Mitfahrgelegenheit.
Nicht nur in Erfweiler findet sich ein Kohlenmeiler. Die Schwarzkohle wird auf dem Land wie in der Stadt zum Grillen, Räuchern und zum Aufbrühen des Ataya verwendet.
Das typische Set zur täglichen Körperhygine in den ländliche Compounds. Wassereimer, Schöpfer zum Duschen und Kanne zum Wegspühlen des kleinen und großen Geschäftes, wobei auch das Wasser das Toilettenpapier ersetzt.

Das Leben auf der Northbank läuft zwangsweise entschleunigter, weil es für die Menschen einfach zu wenig Möglichkeiten gibt. Hauptsächlich die Landwirtschaft sichert in der Regenzeit und muss auch darüber hinaus den Broterwerb der Menschen sichern.

Auf den in der Regenzeit fruchtbaren Feldern werden Reis, Mais, Couscous, Zwiebeln, Nüsse oder auch Wassermelonen angebaut. Zudem pflanzen die Gamber saure und rote Tomaten, Papaya, Bananen, Kartoffeln, Kürbis, Karotten, Auberginen, Orangen,  Kohl, … an. Manches davon können sich die einfachen Menschen allerdings selbst nicht leisten.
Neben dem Problem der Versorgung herrscht Fußball als Nummer 1 Thema vor und bestimmt den Alltag so vieler Jungs und Männer. Egal, ob selbst auf dem Feld, in einer TV-Bar vor dem Fernseher oder über Sportnachrichten im Internet, es dreht sich alles ums Kicken und das lenkt auch ab.

Meine lieben Sundownergrüße gehen selbstverständlich, aber heute im Besonderen, an alle Leserinnen und Leser, die meine Zeit in Gambia gespannt mitverfolgen und sich für Land, Leute, Kultur, Geschichte und das Leben in Gambia interessieren und vielleicht aus der Ferne ebenso Einblicke und Erkenntnisse sammeln konnten und hoffentlich noch weiter sammeln werden. Als Lehrer im Sabbatjahr freut man sich irgendwie immer noch, wenn man ein wenig Wissen weitergeben kann. Danke auch für eure Zuschriften und Fürsprache, wenn es mir mal schlechter ging.

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