Kolumbien – 28.02.2022 – 03.03.2022

28.02.2022 – Wout und ich sind gut raus gekommen und waren um 9 Uhr 30 am Flughafen in Panama – City. Eigentlich genug Zeit für unseren 12 Uhr Flug nach Medellin. Allerdings standen wir über 2 Stunden bei der Gepäckaufgabe und der Kontrolle in der Schlange, sodass wir gerade recht zum Boarden kamen. Unsere Maschine von Wingo hob zwar etwas verspätet ab, landete aber pünktlich um 13 Uhr 20 in Medellin. Unser Gepäck war nach der unkomplizierten Einwanderung auch schon parat und mit dem Uber ließen wir uns zum „International Hostel Medellin“ im Stadtteil El Poblado bringen. Auch hier checkten wir direkt ein und holten uns ein paar Informationen zu möglichen To Do’s. Das Pablo Esobar – Museum stand somit nach kurzer Empanada – Pause auf unserem Programm. Beim Eintrittspreis von 25 Euro mussten wir etwas schlucken, bezahlten unseren Obolus aber brav dem düsteren Gesellen am Eingang und hofften auf eine aufregende Tour. Unser erster Guide, ein forscher miesepetriger Kerl, hatte wohl für heute genug und hat uns barsch durchgeschleust, bis uns seine Ablösung übernahm. Um die Ecke kam auch der Enkel von Pablo und begleitete eine Gruppe bei der Führung. Zwar leitet er das Museum legal, aber Abzocke war es dennoch. Man hatte sich einfach mehr Details, Geschichten, Exponate und Insiderdetails erhofft. Man merkte aber, dass der berüchtigte Drogenboss zu Medellin dazugehört und für die Menschen einen großen Stellenwert hat, obwohl er für soviel Leid und Tod verantwortlich, die Politik bekämpft, hintergangen oder für seine Machenschaften benutzt hatte. Daneben spendete er den Menschen mit seinem dreckigen Drogengeld Kirchen, Schulen, Sportplätze und ließ neben seinem persönlichen Gefängnis auch ganze Siedlungen für die Armen errichten.

Nach dem Museumsbesuch ging es zu Fuß durch Medellin, welches sich in den letzten Jahren wohl wirklich sehr gewandelt hat. Man kann sich schon sicher hier fühlen, auch wenn vor Bedrohung und Diebstählen gewarnt wird und man ständig Drogen angeboten bekommt. Im „Lorenzza“ genossen wir einen Mango – Limetten – Drink, ein tolles Steak Mignon und süßen Nachtisch.

Medellin wird auch als „Town of etarnel springs“ bezeichnet, was hier bedeutet, dass meist gleichbleibende Temperaturen um die 20 Grad herrschen. Dazu gibt es gut Regen zwischendurch, wie ebenfalls während des gesamten Tages hindurch. Von oben war Kolumbien beim Landeanflug sehr grün anzuschauen und die Stadt scheint gigantische Ausmaße vom Talkessel bis über die Berghänge anzunehmen.

01.03.2022 – Ich durfte beim Frühstück erst einmal feststellen, dass ich mit meinen 40 Jahren nun genau 40 unterschiedliche Länder bereist habe. Dann nahmen Wout und ich die Metro, die wirklich unglaublich sauber, frei von Vandalismus, absolut sicher und, wie wir später mehrfach erfahren sollten, der Stolz der Stadt ist. Im Zentrum Medellins stiegen wir aus und wurden von unserem Guide Dio von „Real City Tours“ begrüßt. Unsere Gruppe wuchs auf 16 Personen an und wir starteten die Free Walking Tour. An der alten Eisenbahnstation gab uns Dio, der selbst aus Medellin stammt und als Kind die grauenhaften Morde und Terrorakte miterleben musste, einen chronologischen Abriss über die Geschichte der Stadt, nachdem er uns beeindruckte, da er direkt alle unsere Namen wusste.

Die Abourais – Indios hatten ursprünglich im Talkessel der heutigen Stadt gesiedelt, bis die spanischen Conquistadores im 15. Jahrhundert einen Wochenendtrip dort einlegten, feststellen mussten, dass es hier kein Gold zu holen gab und vorerst weiterzogen. Allerdings erkannten sie später, dass durch das gleichbleibende Klima mit viel Sonne, Regen und Temperaturen um 20 Grad hier beste Bedingungen herrschen, um Landwirtschaft zu betreiben. So wurde Medellin 1616 gegründet und es fand eine  Durchmischung der Bevölkerung statt.

300 Jahre lang passierte nichts Erwähnenswertes, bis die Kaffeebohne aus Äthiopien nach Südamerika kam und die Kaffeeindustrie begann zu florieren. Während des Booms steckte man viel Geld in den Kauf von Zügen, baute ein Eisenbahnnetz aus, errichtete gut wirtschaftende Plantagen und auch die Textilindustrie war im Aufschwung. Medellin erlebte seine industrielle Revolution. Das führte folglich zu Wohlstand und einem enormen Bevölkerungswachstum in der Stadt, nicht allerdings in den bergigen Randregionen, der sich immer weiter ausdehnenden Stadt. Als die Regierung die Tabak- und Alkoholsteuer erhöhte, wurden diese Güter verstärkt auf dem Schwarzmarkt gehandelt und der Warenschmuggel startete, wie auch der erhöhte Konsum.

Die Produktionsbedingungen und die Infrastruktur waren somit auch für einen weiteren kriminellen Schritt bereitgestellt. Und Pablo Escobar, bisher als Bankräuber mit seinem Cousin Gustavo unterwegs gewesen, stieg in den 1970er Jahren in den Drogenhandel ein und schnell zum Boss aller Bosse auf. Das Koka wurde großflächig in den Wäldern angebaut und dort auch zu Kokain verarbeitet. Die Kreativität beim Schmuggeln, erst über die Alkohol- und Tabakrouten, später mit großem Export in die USA über den Land-, See- und Luftweg hatte keine Grenzen. Die daraus folgenden Gewalttaten leider auch nicht. Und dies von allen Seiten, während sich die linken Guerillagruppen wie die FARK, die rechten Paramilitärs (= eine Privatarmee der reichen Stadtbevölkerung) gegenseitig und mit den Soldaten und Polizisten der Regierung bekämpften, zogen die Narcos zwischendrin ihre Fäden und mischten in den blutigen Straßenkämpfen mit. Unzählige unschuldige Todesopfer mussten beklagt werden. So war Medellin zwischen 1970 bis 1990 die gefährlichste Stadt der Welt.

Escobar, der in der Führung lieber als Woldemord tituliert wurde, drückt der Metropole heute immer noch irgendwie seinen Stempel auf. Das wollen die Einwohner sichtlich ändern und sich als sicherere, freundliche Stadt, in der man den Wandel vollzieht, präsentieren. Viele Menschen, die diese Gräueltaten miterleben mussten, verurteilen Escobar und streiten mit der äußerst korrupten Regierung, welche momentan darin weltweit die Bronzemedaille besitzt. Andere Nachgeborene feiern ihn als einen kolumbianischen Robin Hood, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hatte. Sie pilgern zu seinem Grab, schnupfen Kokain und spielen Paintball mit dem Narcos, wo damals 200000 Menschen durch Bomben und Kugeln ihr Leben verloren. Oder man hat aus Angst oder Einfachheit keine Meinung zu ihm und diesem Teil der Vergangenheit. In der Schule wird ebenso nicht über ihn gesprochen. Der Geschichtsunterricht als Einzelfach wurde abgeschafft. Man unterrichtet nun Gesellschaftswissenschaften.

Die Kolumbianer in Medellin wollen dennoch zeigen, dass sie eine Katharsis durchleben und weiterhin anstreben. Plätze, Einrichtungen und Gebäude, welche die Schattenzeiten der Vergangenheit aufzeigen, wurden zum Beispiel in Bildungsinstitutionen wie Schulen, Universitäten und Bibliotheken umfunktioniert und sollen ebenfalls als Symbol für eine neue Gesellschaft gelten. Das Stadtbild wurde verschönert und modernisiert. Zwischendurch finden sich trotzdem viele Brutalismusgebäude nach kommunistischem Vorbild.

In dem erzkatholischen Land sind Gegensätze wie zu damaligen Zeiten heute ebenso keine Widersprüche. Prostituierte warten beispielsweise direkt bei der Kirche Santa Cruz auf Freier. Genau wie Drogendealer, Diebe und Mörder nutzen sie die Beichte und die Vergebung der Sünden zur Rehabilitation. Manche Politiker nutzen dies zudem, da sie selbst in den Drogenhandel involviert sind. Strafen müssen sie nicht erwarten. 80 % des weltweit produzierten Kokains stammt aus Kolumbien. Der Transport und Verkauf geht über die mexikanischen Kartelle. Das ist weit mehr als zu Escobars Ära und solange die Nachfrage da ist, wird Kolumbien sie decken. Ein Kokabauer verdient um einiges mehr, um zu überleben, als ein Maisbauer.

Am „Museo de Antioquia“ angelangt, finden sich neben einem Guttenbergplatz auch die berühmten Bronzestatuen,  erdacht, gebaut und gespendet, von Ferdinand Botero wieder.

Aus didaktischen Gründen lasse ich weitere Punkte der knapp vierstündigen Führung aus und darf diese informative und von Dio sehr anschaulich präsentierte Tour mit bestem Gewissen weiterempfehlen. Zwischendurch kamen immer mal wieder Locals zur Führung, begrüßten uns freundlich oder zeigten uns, dass auch sie den Wandel, wie Dio mit seiner Führung, herbeiführen wollen. Natürlich gibt es Orte in der Stadt und unnötige Risiken, die man meiden sollte. Dennoch muss man sich hier nicht fürchten. Die Stadt hat ihr ganz eigenes Flair, das einen irgendwie in seinen Bann zieht. Dies sollten wir auch bei unserer 2. Tour am Nachmittag erfahren.

Dazwischen jedoch, versuchten wir vergeblich gute Tickets, nicht gerade im heißen Ultrabereich, fürs heutige Fußballspiel zu bekommen. Mit zwei Holländern der Free Walking Tour fuhren wir mit der Metro zum Stadion, fanden keinen offiziellen Ticketschalter, aber eine Menge Schwarzmarkthändler. Irgendwo war uns das allerdings zu riskant, da die „Tickets“ einfach schwarzweiß ausgedruckte QR – Codes waren und eigentlich niemand einen vertrauenswürdigen Eindruck machte. Zudem hieß es online, dass die uns angebotenen Plätze bereits ausgebucht seien. Auch wurde die Zeit zur Graffiti – Tour durch die Comuna 13 knapp und Wout und ich machten uns auf den Weg zum Treffpunkt an der Metrostation in El Poblado. Guide Walter nahm uns in Empfang und mit zwei Schweizern und drei Mädels aus New York nahmen wir die Metro zur Cable Car –  Station. Von oben konnten wir einen guten Blick in den Talkessel, sowie auf die Barrios, die Armenviertel, und speziell das Comuna 13 – Viertel werfen.

Hier erklärte uns Walter nochmal die Episode mit den Straßenkriegen in den Armenvierteln. Die Häuser wurden alle illegal gebaut. Die kommunistischen Guerillas boten „Schutz“ an, verlangten natürlich Geld zur Unterstützung ihres Kampfes gegen den Kapitalismus. Das Gesetz und die Gerichtsbarkeit nahm man selbstverständlich auch in die eigene Hand. Es kam oft zu Schusswechseln, wobei Kugeln auch verheerende Spuren im Tal anrichteten. Hier lebten die reichen Materialisten und mussten ebenfalls durch Querschläger Tote beklagen. Nun stellten sie ihre eigene Armee, die Paramilitärs auf, bekämpften die Guerillas und forderten die staatlichen Truppen zur Unterstützung an. Diese jagten zudem mit US – Spezialeinheiten die Narcos in den Barrios. Jeden Tag musste man um sein Leben fürchten und wenn abends um 20 Uhr der Gunshot folgte, sollte man besser zu Hause sein.

Ebenso hatten wir einen Blick zu den Dächern, wo Escobar von den kolumbianischen Streitkräften, sowie dem FBI und der DEA gestellt wurde. Bevor er ihnen lebend in die Hände fallen würde, hatte er sich erschossen.

Mit dem Bus fuhren wir am Fuße der Seilbahn zur Comuna 13, welche am schlimmsten von Armut und Terror betroffen war und heutzutage dennoch sehr stark zeigt, welchen Umschwung Medellin durchleben möchte. Zwar leben hier immer noch vorwiegend arme Menschen, aber der Tourismus bessert ihre finanzielle Lage. Geholfen haben sie sich aber schon vorher selbst. HipHop, Breakdance und die Graffiti – Kunst waren ursprünglich zur Zerstreuung da und sollten die Kids von den Straßen holen und Hoffnung geben.

Die Comunity wuchs mit der Kunst und stärkte sich und das ganze Viertel selbst. Es finden sich viele Straßenkünstler wieder, welche die Touristen genau so anziehen wie Bars, Shops, Galerien und Kunsthandwerk. Für mich war es vor allem der Blick auf die 4 – Millionenmetropole, der mich neben den zahlreichen Graffitis, welche thematisch oft auch die schreckliche Geschichte aufarbeiten, beeindruckt hat.

Zwischen den schmalen Häusergängen hindurch und über hochmoderne Rolltreppen besuchten wir noch eine Bar und anschließend eine Galerie. Wieder einmal waren wir mit einer coolen Truppe unterwegs und unterhielten uns gut, bis wir uns nach der ebenso 4 – stündigen Tour verabschiedeten. Wout und ich genehmigten uns noch einen Happen in der „Hacienda“. Das Restaurant für traditionelles kolumbianisches Essen hatte uns Dio empfohlen. Wir haben es beide nicht geschafft.

Danach waren wir satt, platt und matt. Kulinarische Grüße gehen an Patrick C. Ich bin mir sicher, das wäre auch was für dich gewesen.

02.03.2022 – Hatte ich mir gestern sogar den Nacken leicht verbrannt, begrüßten mich des morgens Tristes und Regen. Das sah nicht gut aus für unser Paragliding über die Berge um Medellin und bestätigte sich später. Über den ganzen Tag waren die Flugbedingungen nicht gegeben. Also war Kultur angesagt. Wout und ich zog es ins Zentrum über die kleinen Märkte und anschließend ins „Museo de Antioquia“. In der Ausstellung zu Botero durften leider keine Fotos gemacht werden.

Doch auch sonst gab es reichlich Futter fürs Gehirn in den anderen Austellungen, wo zum Beispiel auch ein Picasso bestaunt werden konnte.

Pablos Arche.

Mit ausreichend sehr gutem kolumbianischen Kaffee nahmen wir zwischen unserer Shoppingtour noch das MAMM – „Museo de Artes Moderno de Medellin“ mit. Leider waren mehrere Teilbereiche im Museum geschlossen und was wir sahen, beeindruckte uns wenig. Da fehlte uns wohl der intellektuelle Zugang.

Zu Abend haben wir im „La Pampa Parrilla Argentina“ gegessen. Nach dem leckeren Ribeye rundete ein Brownie die Köstlichkeit ab und wir spazierten durch das Nachtleben von El Poblado heimwärts. Es war ein gelungener letzter gemeinsamer Abend für uns beide.

Mein Blog hat gerade ein Jubiläum erreicht und die Marke von 10.000 Aufrufen durchbrochen. Es freut mich, wenn ihr mir folgt, an meiner Reise etwas teilhaben möchtet und ich euch damit unterhalten kann. Seid alle herzlichst gegrüßt.

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