13.10.2021 – Zwar blieben wir gestern mit dem Bus zwischendurch nicht in der Pampa stehen, der merkwürdige Geruch aus dem Motorraum machte uns dennoch nachdenklich. Eigentlich sollte deswegen gestern Abend ein Mechaniker in die Helping Charity Lodge kommen. Doch – er kam nicht! Dem zu Folge und weil die Lenkung heute Morgen wieder stark blockierte, fuhren wir nach dem Frühstück erneut nach Amdalai, um das checken zu lassen. Die Ursache, warum die Hydraulikflüssigkeit nicht eingezogen wurde, war erfreulicherweise schnell gefunden. Ein Rohr war verbogen, wurde gerichtet und der Flüssigkeitsbehälter befestigt. Kein deutscher Mechaniker will wissen, was wir dafür bezahlt haben. Unsere Fahrt konnten wir beruhigt fortsetzen. Es lief nicht nur wie neu geschmiert, sondern ließ sich einfacher lenken als je zuvor, sodass Susi den Bleifuß aufs Gaspedal stellte. Trotzdem kamen wir mit einer Stunde Verspätung um 11 Uhr in Prince an. Auf der Baustelle war reger Betrieb, da sich neben uns auch das Verputzerteam ans Werk machte und die Holzfäller und Dachdecker nach und nach eintrafen.



Sulayman musste zügig abdüsen, um weitere Materialien zu besorgen, Bakary und Solomon arbeiteten am Schornstein weiter, während ich lediglich Eisenstangen zusägen, Material schleppen und Beton mischen konnte. Zum Ende des Arbeitstages hin, stand der neue Ofen der Schulküche mit drei Kochstellen und die Freude war groß.


Über die Fortschritte der anderen Arbeiter halte ich selbstverständlich auf dem Laufenden.
Susi und ich kümmerten uns eher um Organisatorisches und Finanzielles. Mittlerweile haben wir unser Spendenziel von 2500 Euro erreicht. Wir sind unglaublich glücklich, stolz und von Herzen dankbar für so viel Spendenbereitschaft. Mit allem, was darüber hinaus reinkommt oder übrig bleibt, haben wir schon eine Idee. Bei Hand in Hand for the Gambia e.V. habe ich nach einer Finanzspritze angefragt, um Küchenutensilien zu kaufen und Tanja, die Vorsitzende, hat uns dies zugesagt. Mit jedwedem Überschuss wollen wir eine Kücheneinweihung mit Schulspeisung auf die Beine stellen.

Für die benötigten Küchenmaterialien, sowie die Lebensmittel musste ich mit den Frauen vom Küchenteam, dem Chairman, dem Vizerektor, dem Schriftführer und einem Übersetzer eine Aufstellung anfertigen und Kostenvoranschläge einholen. Man glaubt gar nicht, wie lange so etwas dauern kann. Mehrere Stunden – und fertig wurden wir damit heute nicht. Zudem habe ich in die Klassen geschaut, das Schulleben weiter dokumentiert und Susanne für einen Imagefilm interviewt.

Auf dem Rückweg legten wir einen Zwischenstopp an der Schule in Chamen ein. Der Rektorin konnte ich die frohe Botschaft überbringen, dass es Tanja von Hand in Hand geschafft hat, eine finanzielle Förderung von der Bundesregierung für ein weiteres Unterstützungsprojekt zu erhalten. Die Schule in Chamen soll in naher Zukunft eine Solaranlage und ein neues Bohrloch mit Wasserpumpe bekommen, um Elektrizität wieder herzustellen und die Wasserversorgung zu gewährleisten. Ein großes Dankeschön ergeht an alle im Verein Beteiligten, damit auch dieses Projekt Realität wird. Wichtiger war es aber für mich, unseren Patenkindern Rohey und Fatou von der KKR+-Schul-AG Hand in Hand for the Gambia nicht „Tschüss!“, sondern „Auf Wiedersehen!“ zu sagen. Fürs Erste ist ein Wiedersehen zwar nicht physisch, dann aber verstärkt über die medialen Plattformen möglich. Zusammen mit Lehrer Nuha Jarju interviewte ich auch sie nochmal, hätte beinahe meine Süßigkeiten für sie vergessen und gab ihnen meine Wünsche für die Zukunft mit. Im Nachhinein fällt mir der Abschied schwer.

Dass ich über die bis dato erlebten Geschehnisse noch berichten kann, grenzt an ein kleines Wunder. Solomon sollte sein fahrerisches Können schon längst unter Beweis stellen und wollte heute die finale Etappe nach der letzten Polizeikontrolle übernehmen. Gestern, das hatte ich vergessen zu erwähnen, sind wir knapp einer Strafe davon gekommen. Bakary hatte seinen Gurt nicht umgelegt, doch ich konnte die Ordnungshüter beschwatzen, sodass wir nicht blechen mussten. Schließlich sind wir hier als freiwillige Helfer für eine gute Sache. Doch zurück zu unserem „To fast and to confused!“-Solomon. Nach dem Motto: „Wer bremst verliert!“, wären wir auf den schmalen Holperwegen im Busch, nicht nur im selbigen gelandet, sondern beinahe frontal auf einen Baum geknallt. Bakary brüllte direkt nötige Gegenlenkungen und konnte das Ruder vom Beifahrersitz noch rumreißen. Den Dreh mit drei Pedalen hat Solomom noch nicht ganz raus. Komischerweise war er der Einzige, der nach dem ersehnten Stillstand und dem erlittenen Schock noch lachen konnte. Das Auto hat mittlerweile genug gelitten und ich bin froh, wenn wir es morgen nach unserem Ausflug zurück in unsere Appartements im Kombo schaffen.
Fürs Abendessen kamen wir gerade richtig an und auch der Sundowner ließ nicht mehr auf sich warten. Ich kletterte auf das Dach eines Geländewagens, um wenigstens einmal einen Sonnenuntergang in der Northbank sehen zu können. Widmen möchte ich ihn allen ehemaligen AG-Teilnehmern von unserem Schulprojekt. Ihr seht, wofür wir uns all die Jahre engagiert und angestrengt haben, trägt Früchte und hat sich wirklich gelohnt. Zusammen haben wir und können auch weiterhin viel zum Besseren verändern. Es hat sich für mich aufs Neue bestätigt, dass man nie allein ist, wenn man sich für etwas Gutes einsetzt. Hier vor Ort spüre ich für unseren Einsatz, aber auch die Unterstützung in der Vergangenheit, täglich unglaublich große Dankbarkeit und Wertschätzung. Leiter, Lehrer, Schüler, Hilfspersonal der Patenschulen, zusätzlich Anwohner und Arbeiter freuen sich stets, einen zu sehen und helfen mit, zusammen mit uns, etwas Wunderbares schaffen zu können.

Kleiner Hinweis am Rande. Natürlich entdecke ich im Nachhinein den ein oder anderen Schreibfehler. Leider funkt mir die Autokorrektur, sowie die abendliche Müdigkeit dazwischen und es kommt ebenfalls mal zu Formatierungs- oder Uploadschwierigkeiten. Meist gehe ich das Geschriebene später nochmal durch und korrigiere. Alle von mir nicht gefundenen Fehler, dürfen selbst behalten werden;).
14.10.2021 – Nach dem Frühstück hieß es, Abreise aus der Charity Lodge in Fass über Land nach Albreda, wo sich das Besucherzentrum und das Museum für die Geschichte der Sklaverei befindet.

Die Botschaft des Mahnmals in der Gedenkstätte ist klar formuliert. Niemals wieder darf es auf der ganzen Welt eine Trennung zwischen Schwarz und Weiß oder irgendeine Form der Sklaverei geben. Auf der Brust prangt das Zeichen eines Sklavenhalters, um den „Besitzer“ anzuzeigen. Teil der Führung war eine Bootsüberfahrt nach Kunta Kinteh – Island, vorher unter britischem Besitz bekannt als James – Island und davor zur Zeit der portugiesischen Fremdherrschaft als St. Andreas – Island bezeichnet. Mit einem Motorboot fuhren wir die 3 Kilometer raus zum kleinen Eiland, von dem, aufgrund der globalen Erwärmung, im Vergleich zum 15. Jahrhundert lediglich ein Zehntel Fläche übrig geblieben ist.


Hierher verfrachtete man die im Senegal, in Gambia oder Guinea-Buissau gefangen genommen Ureinwohner. Die Insel diente als Anlegepunkt für die Großen Handelsschiffe im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Nord- und Südamerika. Ebenso kann man es als Gefängnisinsel und Folterstätte bezeichnen. Nach Ankunft wurden die Menschen gebrandmarkt, eingesperrt, misshandelt oder vergewaltigt. Es gab sogar ein eigenes Gebäude, in dem die Wachmannschaften zechten und anschließend die Frauen vergewaltigen sollten, weil eine schwangere Sklavin auf dem Markt teurer verkauft werden konnte. Vom ehemaligen Fort und Gefängnis sind heute nur noch Mauerreste und 24-Pfünder (Kanonen) übrig geblieben.

Die Wasserversorgung war für die Sklaven miserabel, Nahrungsmangel, Krankheiten und Folter führten oft schon zum Tod, bevor man nach drei Wochen Aufenthalt auf das nächste Handelsschiff auf dem Weg in die Neue Welt musste. Fliehen konnte niemand von hier. Nicht nur, dass keiner schwimmen konnte, auch lauerten Krokodile auf leichte Beute. Wer auf der Insel starb, landete zudem als Tierfutter im offenen Meer. Auf dem Schiff war es auch nicht besser. Von circa 15 Millionen afrikanischen Sklaven starben gut 1/3 auf der Überfahrt. In den Lagerräumen drängten sie sich wochenlang, angekettet, in den eigenen Exkrementen zusammen, nur um dann in der Neuen Welt verkauft und voneinander getrennt zu werden. Ihr Leben frusteten sie meist auf einer Plantage oder als Bedienstete für ihre weißen Herren, die sich eine goldene Nase verdienten.

Der wohl berühmteste Sklave war eben dieser gewisse Kunta Kinteh, ein stolzer, mutiger Krieger aus dem Stamm der Mandinka. Er hatte sich beim Holzsammeln im Busch den portugiesischen Aggressoren entgegengestellt, hatte keine Chance gegen die Übermacht der Soldaten mit ihren Musketen und wurde auf die Gefängnisinsel gebracht, drei Wochen lang aufgrund seiner Aufmüpfigkeit in den Kerker geworfen, bis er nach Virginia verfrachtet und dort verkauft wurde, um auf der Tabakplantage zu arbeiten. Sein Master gab ihm den Namen „Toby“, den er nie akzeptierte und stur an seiner Herkunft festhielt. Natürlich versuchte der stolze Krieger, mehrfach zu fliehen. Nach der dritten Flucht hat man ihm einen Fuß amputiert. Mit der Zeit hat der Master ihm erlaubt, seine Bella (mit afrikanischem Namen: Fanta) zu heiraten und wurde später sogar freigelassen. Zusammen hatten sie eine Tochter. Deren Nachfahren leben in der 8. Generation fort in der USA und hier in der Nähe des Museums, welches wir anschließend besuchten.
In Barra angekommen, hat uns die Warteschlange der zahlreichen, längst eingestaubten Autos erschreckt. Wir sind einmal zuversichtlich mit der Hoffnung auf Bevorzugung, weil wir eine gemeinnützige Organisation sind, daran vorbei geschlichen und versuchten unser Glück bei mehreren Ordner und Aufsehern, einer Kassiererin und nahmen gerne deren „Hilfe“ an, was so viel heißt wie, Schmiergeld zahlen. Anscheinend war das aber nicht genug. Zwar konnten wir vor der großen Schlange in den Wartebereich zur Fähre einfahren, mussten aber dennoch insgesamt zweieinhalb Stunden warten, bis wir aufsetzen konnten. Bis wir Senegambia und ich das Patta Patta erreichten, war es bereits 19 Uhr. Ich bezog Zimmer 9 und nahm wie immer erst einmal eine Grundreinigung durch, fegte Termitenrückstände, Insekten und Kot hinweg, suchte mir aus den anderen Appartements, die leer standen, die notwendigen Badezimmerutensilien und was ich sonst noch so brauchte, zusammen und musste auch meine Rücksäcke, Kleidung und Schuhe entstauben, bevor ich unter die Dusche hüpfen konnte. Was eine Wohltat. Zum Dinner versammelten wir uns dann alle nochmal im Solomons, um auf unsere geleistete Arbeit „anzustoßen“ (außer der sportfanatische Christ, der gläubige Moslem und der Antibiotika nehmende Tubab).

Die Jungs vom Patta Patta, meine mir bekannten Taxifahrer und Mr. Bah von meinem Stammkiosk luden mich zum Ataya-Trinken ein und wollten natürlich alles von meinen Erlebnissen der vergangenen Tage wissen. Trotz meiner Müdigkeit konnte ich natürlich nicht „nein“ sagen und gesellte mich noch bis spät in die Nacht zu ihnen, aber nicht, ohne meine Grüße da zu lassen. Die gehen an meine Mainzer Buddys. Wird mal wieder Zeit für einen Spelunkenauftritt, den sehne ich echt herbei.
15.10.2021 – Gemäß dem altbekannten Spruch im öffentlichen Dienst: „Freitag ab eins, macht jeder seins!“, war nach ausschlafen, frühstücken und Wäsche machen, wozu ich auf das bewährte „Rei in der Tube“ zurückgriff und mir zwei Bottiche schnappte, lesen und gammeln am Strand angesagt, welches zeitweise zwecks Nickerchen und Nahrungsausfnahme unterbrochen werden musste. Ins Wasser konnte, sollte und wollte ich daher nicht, da meine Wunde an der Wade ihre Kruste verloren hatte und ich sie abband, damit keine Verunreinigung hinein kommen kann. Nach Rücksprache mit Arzt und Apotheker verlängere ich die Antibiotikaeinnahme, weil die Verhärtung, lokal und kleiner werdend, anhält. Nach meiner Heimkehr werde ich Hausarzt und Chrirug für eine Ultraschalluntersuchung aufsuchen. So langsam macht sich das Gefühl des Endspurts breit. In genau einer Woche werde ich die Rückreise antreten und irgendwie sind bis dahin schon alle Tage verplant. Nach all den anfänglichen und später hinzukommenden Schwierigkeiten der letzten Wochen, in denen ich mir teils die Frage gestellt hatte, wie lange macht es Sinn, unter den gegebenen Umständen hier zu bleiben, vergeht die Zeit gerade wie im Fluge, weshalb ich die verbleibende nutzen möchte, um die einzelnen Momente entschleunigter, sowie bewusster wahrzunehmen.
Mittlerweile jedoch wird mir der Kontakt mit den heimischen Leuten, die eine Dienstleistung anbieten (Maniküre, Pediküre, Schuhreparatur, Massage, Taxifahrt, Strandmusik, …), etwas verkaufen (Essen, Schmuck, Kleidung, Sonnenbrillen, …) oder schlichtweg einfach nur so Geld von einem haben wollen und dabei auch in der Ansprache sehr penetrant sein können, zu viel. Zudem will ich weder eine gambische Frau, noch eine deutsche Freundin an einen Gamber vermitteln. Ich weiß, dass jeder Geld braucht, aber jedem kann und will ich meines nicht geben. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich die zweihundert Meter vom Patta Patta zum Strand ohne Unterbrechung laufen kann.
Während ich es ruhiger angehen ließ, schreitet der Küchenbau weiter voran. Es folgten das Einsetzen von Tür und Fenstern, das Dach wurde gedeckt, woraufhin auch das Betonieren und Verpflastern zwischen Wänden und Dach angegangen werden konnte.



Bis in die Nacht hinein waren Susi und ich auf Tubab-Tour auf der Partymeile des Senegambia-Strips. Normalerweise ist erst Ende November bis Januar Hochsaison für Touristen. Wenn zuvor welche da sind, geht’s für die meisten zum Schlemmen, Trinken und Schwofen genau hierher. Die Locals dagegen feiern eher auf dem Kololi-Strip. Schwofen ist übrigens der passende Ausdruck, denn wir waren mit Abstand die Jüngsten im „Choosan“ und dazu noch ein rein „europäisches Pärchen“. Anzutreffen war hauptsächlich (Wer hätte das gedacht?) das ältere, weibliche Tubab-Semester mit ihren gambischen Boomsters (= Aufreißer). Na ja, muss jeder selbst entscheiden. Die Musik war ordentlich und ich in bester Gesellschaft.

Meine Freitagsgrüße sende ich mit doppeltem Durchschlag, überbracht mit Hilfe des Lochmappenbeauftragten, an meine und Steffis Freunde und Bekannten im öffentlichen Dienst, allen voran Tom, Vera, Lisa und Svenji. Jetzt steche ich mich aus und bin raus.
😁
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