Gambia – 01.10. – 03.10.2021

KURZER EINWURF:

01.10.2021 – Wir brauchen eure Hilfe. Die von uns besichtigte Küche in Prince (Northbank, Gambia) ist durch den letzten Sturm immens zerstört worden, nun einsturzgefährdet und muss abgerissen werden.

Für die meisten Kinder fällt somit die einzige Mahlzeit am Tag weg. Der überall in der Northbank um sich greifende Hunger beherrscht dort das Leben, schürt Existenzängste und hindert die Schulkinder an einem erfolgreichen Lernen. Das wollen wir, die Mitglieder von Hand in Hand for the Gambia e.V. zusammen mit dem Family-Health-Projects e.V. (professioneller Ziegelofenbau), ändern. Unser Team ist gerade vor Ort und steht in den Startlöchern. Eine Kostenkalkulation ist erfolgt, die Baupläne stehen, das Startkapital stelle ich zur Verfügung. Allerdings sind wir zur kompletten Realisierung auf eure finanzielle Unterstützung angewiesen. Bitte spendet auf folgendes Konto:

Kontoinhaber: Family-Health-Projects e.V.

Kontonummer: DE11 5519 0000 0112 8140 17

Kreditinstitut: Mainzer Volksbank

Verwendungszweck: Schulküche Prince

Jede Spende für den guten Zweck zählt und bitte teilt diesen Beitrag auf allen öffentlichen Kanälen und durch Mundpropaganda.

Wir sind euch unglaublich und von Herzen dankbar, für jedwede Unterstützung.

Unsere Fortschritte:

– Bauzeichnung

– Materialkalkulation

– Buisness- / Finanzierungsplan steht

– Bauleiter vor Ort gefunden

– Arbeiter angestellt

– Anfangsfinanzierung

– Materialbesorgung für Bodenplatte und Mauerwerk

– Beginn der Blockherstellung für die Wände

01.10.2021 – Schweren Herzens musste ich mir mal den Bart abrasieren, um weniger zu transpirieren. Nach den tropischen Nächten, nur unterbrochen von heftigen Gewittern, und der aufgestauten Hitze im Appartementkomplex, fiel meine Entscheidung, künftig mehr am Strand zu arbeiten nicht schwer. Das Solomons hat nach dem Blitzeinschlag bis jetzt noch kein WiFi, allerdings kann ich trotzdem Vorbereitungen für die nächsten Tage treffen. Und zwar genau an dieser Stelle, bloß etwas weiter unten, mit einer frischen Brise, Vogelgezwitscher und reichlich Kaffee, maximal unterbrochen durch eine Abkühlung im Wasser oder einem kleinen Powernap.

Momentan geht es darum, die Baufortschritte für die Schulküche zu überwachen, Spenden zu generieren und Kontakte aufzubauen. Für morgen habe ich ein Treffen arrangiert mit einem erst nach Deutschland ausgewandertem, nun zurückgekehrtem Gambier, Ismaila, der einerseits in der Northbank ökologische, ertragsreichere Landwirtschaft betreiben möchte, andererseits momentan in Tanji in einer Art Berufsschule das Elektrikerhandwerk lehrt. Auch für unsere Schulabgänger der Patenschulen, denn viele können sich danach den Besuch einer weiterführenden Schule nicht leisten, könnte dies eine weitere Chance zu einem geregelten Einkommen sein. Weiterhin wollen Susanne und ich die Tage für ihre Kolleginnen an der Realschule in Bad Kreuznach eine Patenschule im südlichen Outback suchen und eine Verbindung aufbauen. Für Hand in Hand for the Gambia e.V. müssen gerade Interviews und ein inhaltliches und gestalterisches Konzept zur Videodokumentation vorbereitet werden, um im Anschluss gutes Material zum Schneiden für einen Imagefilm zu haben. Im gleichen Zuge baue ich die Interviews auch so auf, dass wir sie in unserer gleichnamigen Schul-AG (Hand in Hand for the Gambia) nutzen können.

So ganz die Füße stillhalten, wer mich kennt, weiß das, kann ich halt auch nicht. Schon jetzt kann ich aber sagen, dass mir das Sabbatical wirklich gut tut. Viele Dinge, die einem wichtig sind, sind in Bewegung, man kann sich genügend Zeit dafür nehmen und verspürt keinen Erfüllungsdruck im Nacken, nur den Wunsch, einen kleinen Beitrag leisten und sichtlich realisieren zu können.

In der Früh begannen unsere Arbeiter mit dem Mulchen und Herstellen der Mauerblöcke. Insgesamt brauchen wir 750 davon.

Mein Kokusnusslieferant hat sich nun ebenso als Händler und Schneider entpuppt, sodass ich mir ein afrikanisches Hemd gegönnt habe und sofern er den Stoff bekommt, den ich mir vorstelle, lass ich mir einen feinen Zwirn schneidern.

Wenn ich jetzt noch mehr Bräune hätte… !

Letztendlich möchte ich den Tag beenden, mit voller Dankbarkeit für eure Spenden und meinen herzlichsten Grüßen an Thomas W. samt Eltern, sowie an Frank D. – ich bin überwältigt.

02.10.2021 – Gut rumgekommen und einiges mitgenommen, so könnte man den Tag zusammen fassen. Zur Mittagszeit kam Susanne vorbei und Ismaila Jallow, den ich beim Blitzschlag kennengelernt hatte. Er holte uns ab, um mit uns zu seiner künftigen Arbeitsstelle zu fahren. Ismaila ist 1995 nach Deutschland, genauer gesagt nach Wilhelmshaven gekommen, hat das Elektrikerhandwerk erlernt und vor Kurzem seine Zelte dort abgebrochen, um auf zweierlei Art in Gambia etwas Entwicklungshilfe zu leisten. Das wäre in der Landwirtschaft eine ertragreichere Bepflanzungsart und Bewirtschaftung zu etablieren und sowohl dieses Wissen, als auch seine Fachkenntnisse als Elektriker an einer Art Berufsschule weiterzugeben. Er lud uns ein, dieses House of Skills in Tanji, welches eine gute Stunde entfernt liegt, zu besuchen. Schon auf dem Hinweg offenbarte sich Ismaila als sehr hilfsbereit, weltoffen und mit kritischem Weitblick auf die Politik und Entwicklung des Staates. Der Trip nach Tanji war abenteuerlich, vor allem auch, weil es mal wieder stark geregnet hatte und die Straßen ziemlich unter Wasser standen, sodass wir einige Umwege zum House of Skills nehmen mussten. Ich bin froh, dass er ein Auto mit hohem Radstand und Allrad fährt.

Für eine genauere Erklärung in Bezug auf das House of Skills hat sich der momentane Leiter Volker Lohmann, der mit seiner Frau Dorothea hier seit 2 1/2 Jahren waltet, spontan bereit erklärt, weshalb ich Folgendes wiedergeben kann:

Um im House of Skills eine Lehrstelle zu bekommen, müssen angehende Lehrlinge erst einmal einen Einstellungstest bestehen, bei dem sich leider immer mal wieder herausstellt, dass die jungen Erwachsenen nach dem Verlassen der Schule nicht wirklich richtig schreiben und lesen können. Daneben wird Basiswissen abgefragt. Sofern man bestanden hat und aufgenommen wird, kann man sich glücklich schätzen und eine wirklich fundierte Ausbildung mit Verpflegung und Sozialversicherungen (, sowie gutem Gehalt und Steuerausgleich für Festangestellte) genießen, sofern man zielstrebig lernt. In der Berufsschule mit dualer Ausbildung unter christlicher Trägerschaft werden auch Moslems aufgenommen. Interessant war für mich, dass man schon fast an der Ethnie ablesen kann, welchen Berufszweig jemand oft ergreift. Die Jola sind für die Holzverarbeitung bekannt, während Fulla meist als Händler, Balanta als Maurer tätig sind. Die Manjakis (christlicher Volksstamm) haben sich auf die Herstellung von Palmwein oder Cashuwschnapps spezialisiert und die Mandinga betreiben Landwirtschaft. Das ist alles aus der Tradition heraus gewachsen, das Können und Wissen über die Generationen von den Alten auf die Jungen übertragen worden. Solch ein Ausbildungszentrum, das nur zum Teil von der evangelikalen Kirche finanziert wird und sonst auf Spenden angewiesen ist, gibt es leider in Gambia nur selten, in der Northbank, wo die Armut am größten ist, gar nicht. Dort finden sich vereinzelt Ausbildungsstätten für z. B. das Bäckerhandwerk oder als Krankenschwester. Im Ausbildungswesen macht die Regierung ebenfalls viel zu wenig. Die im Ausland aussortieren Maschinen lässt der Träger importieren (u. a. eine Drehbank aus Wiesbaden, an so einer hatte ich mal einen Studentenjob).

Da bisher Schulmöbel, die in unseren Patenschulen absolut Mangelware sind, ebenso meist von Europa oder Ghana nach Gambia verschifft werden, somit hohe Transportkosten und eine schlechte CO2-Bilanz verursachen, lag der Gedanke auf der Hand, nachzufragen, ob man die Schulmöbel nicht vor Ort fertigen lassen könnte. Volker konnte mir eine gefertigte Schulbank mit integrierter Tischfläche in stabilem Eisengestell zeigen und wir stellten eine realistische, aber immer von den Tagespreisen für Rohstoffe abhängige, Kostenrechnung auf, damit Hand in Hand for the Gambia nicht nur Schulmöbel vor Ort beziehen könnte, sondern auch die lokale Wirtschaft gestärkt werden kann. Mit Arbeitszeit-, Material- und Transportkosten kommt man pro Tischbank ungefähr auf 4000 Dalasi, was 67 Euro entspricht. Das kann man sich ja mal im Hinterkopf behalten. Alles in allem war das Gespräch mit Volker und Dorothea sehr aufschlussreich für uns beide, weil auch Susanne auf der Suche nach einem weiteren Ofenbauer ist und wir nun die Umstände eines Auszubildenden und Ausbildungsbetriebes besser verstehen können. Ismaila konnte zudem seinen künftigen, aber sich noch im Bau befindenden, Arbeitsplatz besichtigen.

Infolgedessen setzte uns Ismaila nach erneuter Fahrt durch das Labyrinth von Tanji im nächsten Ort ab, wo uns Janko, ein weiterer Angestellter von Susanne und daneben Scout (= Pfadfinder) mitnahm nach Sanyang, wo es den schönsten Strand von ganz Gambia gibt und Susanne bei einem Afrodance-Workshop zuschauen und den herrlichen Strand genießen wollte. Das war mir nicht vergönnt, weil ich zu einem Treffen der Scouts von Sanyang wollte. Nach kurzem Zwischenstopp im Compound von Janko erreichten wir ein paar Meter weiter den wochenendlichen Versammlungsort, wo schon die Scouts zusammen musizierten.

Samstags wie sonntags folgt dann morgens körperliche Ertüchtigung und später Workshops in Bezug auf das Leben in und mit der Natur, sowie der Gesellschaft für die 157 Pfadfinder von Sanyang bei nur 11 Leitern. Es herrscht merklich etwas mehr Drill als in der DPSG Hauenstein. Man hilft hier sehr stark den Bedürftigen, versucht jungen Menschen eine Perspektive im Leben zu ermöglichen, nimmt an Aufräumaktionen teil, um den zahlreichen Müll vom Strand oder den Straßen zu entfernen. Das gleicht unglücklicherweise einem Kampf gegen Windmühlen. Ebenso finden regelmäßige Camps statt. Im Austausch konnte ich noch mehr über die Ideale der Mitglieder und Beweggründe, Scout zu sein, erfahren. Für viele ist es der Weg von der Straße und Schutz vor dem Abrutschen, nur in den Tag hinein zu leben oder Drogen zu nehmen. Sie fühlen sich in der Pfadfindergemeinschaft gut aufgehoben und stärken sich bei Problemen gegenseitig. Die Älteren wollen den Jüngeren das Zurückgeben und vorleben, was sie erfahren hatten, um eine Orientierung im Leben zu bekommen.  Das Musizieren ist in mehrerer Hinsicht wichtig für viele. Erst einmal hilft es, den Stress, den Schmerz des Alltags abzubauen und sich frei zu fühlen. Des Weiteren kann eine Scouting- und Musikausbildung eine Chance für eine spätere Einstellung in einer Polizei- oder Militärkapelle sein. Tatsächlich haben vier anwesende Leiter eine Anstellung beim Militär, ein weiterer als Lehrer. Ihm ging es wie mir – ohne meine Zeit bei den Pfadfindern wäre ich wohl kaum Lehrer geworden. Scouts sind bei Arbeitgebern gerne gesehen, da man mehr auf sie bauen kann. Natürlich stand auch ich den gambischen Scouts Rede und Antwort. Zum Schluss spielte man mir noch ein kleines Ständchen.

„Gut Pfad!“ an alle Pfadfinder weltweit und die Hääschdner Päddler im Speziellen.

Daraufhin holten wir Susanne am Strand ab und ja, es ist echt paradiesisch dort, sodass ich mir mal einen ganzen Tag nehmen werde, um dort auszuspannen.

Bis Susanne und ich, sowie Bakary, der uns auf dem Weg eingesammelt hatte, dann zurück in Senegambia waren und unseren Hunger im Restaurant Justice befrieden konnten, waren wir alle platt und froh gegen 23 Uhr Zuhause zu sein.

Die Sundownergrüße vom Strand von Sanyang gehen natürlich heute an alle Pfadfinder, ebenso an Stollengott Marcus für seine Spende. Vielen lieben Dank. Die Mauersteine sind nun fertiggestellt und morgen wird mit dem Gießen des Fundaments begonnen.

03.10.2021 – Den Tag der Deutschen Einheit zelebrierte ich zuerst mit Solomon, der heute seinen 35. Geburtstag hat. Da er gerade in der Massephase steckt, war mein Kuchen für ihn nicht ganz verkehrt.

Nach dem Gym begleitete mich Solomon zu seinem Hausfriseur, weil ich mit der Zeit zu viel Fell angesetzt hatte und ich stets weiter gegen die Hitze ankämpfen musste.

Noch mit vollem, dichtem Haupthaar.

Ich sollte mir dann mithilfe einer Bildtafel den Haarschnitt aussuchen, der mir gefiel und den ich wollen würde.

Bei so vielen Möglichkeiten fiel mir die Auswahl entsprechend schwer. Es war wohl Zeit für eine Typveränderung geworden. Dem Cutman Tidjane erklärte ich meine Vorstellung, ein Mix aus afrikanischem Kurzhaarschnitt an den Seiten und hinten, unter Beachtung und Beibehaltung ein wenig meines Deckhaares inklusive der ein oder anderen Locke. Und schwupps flogen die Haare. Es war nicht nur sprichwörtlich ein Ritt auf der Rasierklinge. Ich wurde geschoren mit Kamm und Klinge.

Aber, absolut akkurat. Zwar hat Tidjane kaum Englisch gesprochen bzw. verstanden, dennoch Auge und Gefühl bewiesen.

Ebenfalls stand noch ein Besuch beim Händler (auch er heißt Sulayman, aber nicht zu verwechseln mit meinem gambischen Lehrerkollegen von Hand in Hand) für Tuch und Kleidung an, um eigentlich weitere Stücke in Auftrag zu geben. Unglücklicherweise musste ich feststellen, dass die Wäschefrau des Patta Patta mein bereits erworbenes Hemd gebleicht und somit teils gebatikt hat, während wir die Größe für den neuen Zwirn mit dem „alten“ anpassen wollten. Das war kurz etwas ärgerlich. Ich sollte Sulayman allerdings später erneut treffen und er hat mir tatsächlich das Hemd umgetauscht. Dafür werde ich die Tage nochmal bei ihm ordern und mir Shirt und Hosen schneidern lassen.

Zügig machte ich mich dann auf den Weg zu einem etwas besser ausgestatteten Supermarkt, um Lebensmittel für Bakarys erste Kochstunde zu kaufen. Da hat sich auch Susanne gefreut, der wir ein vegetarisches Curry zubereitet haben. Nicht nur wegen des Essens, sondern weil es hier meist überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass ein Mann eine Frau bekocht, statt heim zu kommen und das von der Frau schon vorbereite Mahl auf dem Tisch vorzufinden. In ganz vielen Bereichen findet sich eine klare, tradierte Rollenverteilung vor.

Bakary hat seine Sache gut gemacht, muss man schon sagen und mit ein paar Runden Ligretto ließen wir den Abend ausklingen.

In Punkto Baufortschritt für die Schulküche in Prince kann ich das Fundament präsentieren. Jetzt müssen zusätzliche Materialien zum Hochziehen der Mauern heran gebracht werden.

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