Gambia – 28.09. – 30.09.2021

28.09.2021 – Gestern hatten wir uns ja einen Caipt’n gesucht, der Susanne, Bakary und mich in der Früh zum Fischen mitnimmt. Als wir allerdings mit einem kleinen Fischerboot auf hohe See fuhren, um Baracudas zu angeln, damit wir Sonja vor ihrer Rückreise mit einem guten Fang und einem Grillabend überraschen können würden, hatten wir noch keine Ahnung, was uns Schreckliches widerfahren wird. … … … Statt irgendeinen Bissen am Haken zu haben, mussten wir traurigerweise eine Leiche entdecken. Unser Caipt’n informierte das Rote Kreuz und wir halfen zuerst bei der Ortung. Weil aber keine Küstenwache vorhanden war und das Rote Kreuz kein Boot hat, lotsten wir den Rettungswagen zur entsprechenden Stelle an Land, wo wir über eine Stunde nach dem Leichenfund abgesetzt wurden und unser Caipt’n mit einem Bergungstrupp erneut rausfuhr. Für uns war dies all die Zeit sehr beklemmend, Die am Strand wartenden Angehörigen haben nun wenigstens die Möglichkeit vom Verstorbenen, der seit Sonntagabend vermisst wurde, Abschied zu nehmen. Abseits beobachteten wir wie erstarrt, wie der Tote bedeckt und sichtbeschützt an Land gebracht wurde. Nicht nur die Angehörigen, sondern auch sonstige dort Versammelten hockten sich zusammen im Kreis hin und sprachen ein Gebet. Auch ich spendete meinen Trost im Stillen. Leider eskalierte die Situation kurz danach zwischen beteiligten Angehörigen und Anwesenden. Der Grund, es wurde ein Foto von der Leiche geschossen. Dies war allerdings ein Angehöriger und es dauerte, bis andere das begriffen. Geschockt verließen wir den Ort und stürzten uns in die Projektarbeit. In Susannes Unterkunft stellten wir einen Materialplan und eine Kostenaufstellung auf, holten Preise ein, sodass wir einen kompletten Finanzierumgsplan vorlegen konnten und legten den Grundstein für den Beginn des Küchenbaus in Prince zusammen mit Kebbah, der uns besuchte und uns dabei half. Die Finanzspritze zum Baubeginn liefere ich und Susanne überwacht mit Bakary den Bau, bis ihr Team den Ofen in der zu errichteten Schulküche in Angriff nehmen kann. Die Jungs von Hand in Hand übernehmen die Organisation in der Northbank, bis wir dazustoßen. Bitte, liebe Leserinnen und Leser, beachtet dazu den Blogbeitrag mit dem wichtigen Aufruf vom 28.09.2021. Wir brauchen eure Hilfe. Teilt bitte auch diesen Aufruf, sodass wir erfolgreich sein können. Susanne hat dazu ein Spendenkonto samt Kampagne eingerichtet.

Ich habe noch viel über das Leben und den Tod nachgedacht. Es kann so schnell gehen. Eine unterschätztes Risiko, eine unbedachte Dummheit und unglücklicher Zufall, … . Es sollte jeder seine Lehre für die Zeit, die man auf Erden hat, sowie seine Art und Weise zu leben, ziehen. Verzeiht, wenn es heute aus Respekt für den Verblichenen und seine Angehörigen, keine Bilder gibt. Ich denke, jeder versteht dies.

29.09.2021 – Das Gemüt war von dem gestrigen Vorkommnis noch schwer, sodass ich mich dazu entschied, am Strand mich meiner Reiselektüre „Safari in Afrika“ zu widmen. Tatsächlich verbrachte ich dort mehrere Stunden, teils lesend, teils ruhend, teils mit dem Blick in die Ferne gerichtet. Die im Buch erzählte Geschichte passt gerade mit den darin angesprochenen Lebensweisen und -einstellungen sehr gut zu den bisherigen erlebten Ereignissen, lässt mich aber nicht nur nachdenklich zurück, sondern motiviert mich, nach vorne zu schauen. Schließlich habe ich hier noch einiges vor.

Für weitere Kurzweil unternahm ich einen Spaziergang an der Küste entlang zum Senegambia Craft Markt, wo Schneider, Tuchhändler, Holzschnitzer, Schmuckhersteller, Maler oder Metallarbeiter ihre Waren feil boten.

Allerdings spürte ich zum ersten Mal starke Abneigung, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, weil man ständig, teils penetrant, angesprochen und nach Geld gefragt wird. Auf Grund dessen, dass ich dort so nicht abschalten konnte, verließ ich den Markt schnell wieder. Die Armut vieler Gambier ist eben nicht nur in der Northbank, weit ab von den Hotels, existent und jeder schaut, dass er über die Runden kommt. Gerade jetzt, da erst ab November Touristensaison ist. Es lastet viel Druck auf den ältesten Söhnen der kinderreichen Familien, welche die Familie versorgen und möglichst den jüngeren Geschwistern den Schulbesuch ermöglichen müssen. Oft verdingen sich diese meist Ungelernten mit harter oder wenig ertragreicher Arbeit den kaum ausreichenden Unterhalt. Mädchen und junge Frauen geraten in die missliche Lage, sich prostituieren zu müssen oder sich auf einschlägigen Partnervermittlungsseiten einen reichen Gönner zu suchen. Seit meiner Ankunft wurden mir schon mehrere Frauen angeboten, nur weil ich weiß und somit in den Augen anderer direkt vermögend bin. Zu Hauf sieht man sowohl ältere europäische Herren oder Damen, welche eine Beziehung, eher ein Arrangement, mit einer gambischen Frau bzw. einem gambischen Mann eingehen. Einerseits wird sich dabei Liebe vorgegaukelt, andererseits ein klares Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, indem die Vermögenden ihre Machtposition deutlich ausspielen und sich als Herrenmenschen aufspielen. Leider habe ich dies mehrfach in unserem kleinen Appartementkomplex mitbekommen müssen und konnte nicht tatenlos zusehen. Sobald ich der unterdrückten, verbal angegriffen Frau meine Hilfe anbot, fragte sie mich nach meiner Handynummer. Dies zeigt einfach, den unbedingten Wunsch, alles zu tun, seine Existenz und die der Familie zu sichern ohne Rücksicht auf das eigene Empfinden. In meinen Augen geschiet hier mit dem Ausnutzen der Armut der Einheimischen moderne Sklaverei. So verwundert es nicht, wenn viele den riskanten Weg über das Meer nehmen, um als Asylbewerber in europäischen Ländern irgendwann in Lohn und Brot zu stehen, damit Geld nach Hause gesendet werden kann.

Angekommen im Patta Patta blieb gar nicht mehr viel Zeit, sich von Sonja zu verabschieden. Sie hatte bis halb Vier noch kein Ergebnis ihres PCR-Testes erhalten, weswegen sie früher als geplant, erst zur Teststation, dann zum Flughafen aufgebrochen ist. Mit Bakery und Sainey war ich für 18 Uhr in der „Happy Corner“, einem Saftstand am Strand, wo wir schon Susannes Geburtstag feierten, verabredet, bis wir anschließend zum Fußball schauen zu Sambas Kitchen gingen. Der gute Sainey hat mir noch ein afrikanisches Hemd als Geschenk mitgebracht, leider in Größe L;). Vielleicht kann ich es morgen auf dem Markt abändern lassen.

Über den Tag verteilt erreichten mich mehrere Zuschriften zu Spendenbeteiligungen für die Errichtung einer Schulküche in Prince. Der Grundstein für ein erfolgreiches Gelingen wurde gestern durch mein Startkapital und die Startgebühr für den Spendenaufruf von Susanne gelegt, die Bodenplatte ist quasi durch die heutigen Spenden gegossen worden. Jetzt lasst uns auch noch durch weitere finanzielle Unterstützung die Wände hochziehen. Den bisher mir namentlich bekannten Spendern Jan Sch., Sabrina F., Andreas C., Fred F. und Vera W., wie allen anderen Supportern, darf ich unseren herzlichen Dank aussprechen und an euch ein paar Sundownergrüße zurückgeben.

30.09.2021 – Endlich wachte ich einmal ohne großartige Bauchkrämpfe und Durchfall auf. Gestern hatte ich eine Extrawurst Schonkost im Restaurant geordert, zusätzlich auch die Malariaprophylaxe weggelassen. Dennoch schmiss ich mir nach dem Frühstück eine weitere Malerone ein, weil es mit Bakary und Susanne ins u. a. Mangrovengebiet im Makasutu Culturel Forest geht. Auf der Fahrt dahin erfuhren wir von den ersten Fortschritten zum Schulküchenbau in Prince. Nachdem der Traktor eine Panne hatte, konnten die 25 Säcke Zement und die drei Kipplaster voll Sand abgeladen werden, sodass morgen mit dem Herstellen der Steine begonnen werden kann.

Ähnlich wie in der Northbank mussten wir uns nach dem Verlassen der Hauptstraße mit unserem Auto durchs Dickicht, über große Bodenwellen und Pfützen kämpfen. Als wir aufsetzen und nicht mehr weiterfahren konnten, sprang ich raus zum Anschieben und war froh, dass ich meine erste freilebende afrikanische Schlange erst zu Gesicht bekam, nachdem ich bereits wieder im Wagen saß.

Der Blick vom Feldweg auf die Erdnussfarmen.

In Makasutu zeigte uns ein Guide die Baumvielfalt und erklärte die Wirksamkeit deren Blätter, sodass eigentlich nie jemand mehr Potenzprobleme, Bluthochdruck oder Magenschmerzen haben müsste. Bei letzterem bin ich natürlich aufmerksam gewesen, bleibe aber skeptisch, da zudem jedes Extrakt noch die bösen Geister vertreiben soll. Unsere Medizin beruht ursprünglich ja auch auf Naturheilkunde, dennoch leiste ich mir momentan keine Experimente. Trotzdem konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Makasutu Tree (= den heiligen Baum) zu umarmen. Es heißt, der Geist und die Kraft des Baumes geht in den Menschen über und führt zur Erfüllung dessen Wünsche. Da ich gerade einige auf Lager hatte, wurde es innig.

Und ja, ich weiß, ich sehe aus wie ein typischer Almann. Macht aber nichts, so lief ich nicht in jedes Spinnennetz. Unser Guide stellte uns Naturzahnbürsten aus einem bestimmten Ast her. Neben Bambus, Eykalyptus, Kokos- und Palmölpalmen gab es einen Baum, mit dessen Sekret Klebstoff hergestellt wird oder einer, dessen verharzte Rinde natürlicher Weihrauch ist. Auf den Spuren eines Varans folgten wir dem Guide bis zu einer Einsiedlerhütte, in der, falls nach der Pandemie genügend Touristen kommen, ein Erimit haust, der den Menschen aus den Händen liest.

Es ist momentan sehr undankbar zu reisen, weil man vieles nicht erleben kann und speziell in diesem armen Land kein Geld zur Instandhaltung der eigentlich schönen Anlage vorhanden ist. So war auch der dortige Handwerkermarkt verwaist und teils zerfallen, wo sich normalerweise reges Treiben abspielt, Touristen die Zeit und ein leckeres Essen genießen.

Neben afrikanischen Holzschnitten habe ich letztlich auch ein in meine. Augen „trauriges Mädchen“ (vgl. Mainzer Straßenkunst) gefunden, ein Sinnbild für diesen Ort und die missliche Lage, in der sich die vom Tourismus abhängigen Menschen befinden.

Die versprochenen Affen haben wir zwar nicht gesehen, aber uns dafür unser eigenes kleines Highlight auf einer Kanutour durch die Mangroven geschaffen. Kurzerhand habe ich mir als Gondoliere das Paddel vom Guide geschnappt und das Rudern übernommen. Den Wendepunkt haben wir dann „aus Versehen“ verpasst, weil ich noch bis zur Austernfarm rudern wollte. Dies war eher eine Austerschalensandbank, da, obwohl Austern gerade an den Mangroven wachsen, die Saison zum Ernten erst im Dezember beginnt. Aufgrund des etwas längeren Weges konnten wir dafür eine heimische Krabbenfischerin entdecken und deckten uns mit Krabben für das Abendessen ein, welches wir uns bei Buba im Solomons zubereiten ließen.

Hello Mr. Crabs!
Vorher-
Nachherbild!

Erneut musste dann ein trauriges Kapitel geschehen. Beim Dinner im Strandrestaurant bemerkten wir eine Ansammlung auf das Meer starrender Gambier. Uns schwante Böses, welches sich leider bewahrheitet hat. Schon wieder hat ein Mensch die Kraft des Wassers, den unter der Oberfläche herrschende Sog, der einen ganz schnell weg vom Ufer reißen kann, unterschätzt. Die Angehörigen konnten nur noch warten, ob die Flut den Körper nochmal freigibt. Es fehlt eindeutig an Aufklärung, Warnung, ausgebildeten Lifeguards und Schwimmunterricht.

Nichts desto trotz möchte ich den Tagesbericht mit weiteren Dankesworten an alle namentlich bekannten neuen Spendern für unser Schulküchenprojekt in Prince schließen. Tausend Dank für eure Unterstützung Steffi und Chrissi, Angelika und Pit, Helmut und Burga, allerbeste Muddi. Danke, für euer großes Herz. Ihr helft mit, das Leben hier etwas besser zu machen.

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