22.09.2021 – Ich möchte einmal noch ein paar Kuriositäten erwähnen, bevor ich zum heutigen sehr ereignisreichen Tag komme. Des Weiteren will ich mich entschuldigen, wenn ich erst im Nachgang noch Rechtschreibfehler korrigiere oder Bilder hinzufügen kann, was meist nach Mitternacht geschieht, weil ich hier eine gambische Internetflat habe.
Die Maus im Zimmer mag mich immer noch nicht. Manchmal bekommt man sogar ins Bett / auf die Matratze geschissen. Zwischendurch hatte Ali versucht die Mauselöcher zu zubetonieren, jedoch verstehe ich nun auch, warum die Häuserbauweise einem Sturm nicht im Geringsten standhalten kann. Die Maus frisst sich einfach neue Löcher durch Wand und Boden. Das Haus von Alis Bruder ist leider auch letzte Nacht als Nachwehe vom Sturm im Juni eingebrochen.
Tierisch werde ich nachts wachgehalten und habe nun ein weiteres kreischendes Geräusch entziffert. Fledermäuse mit einer Flügelspannweite von 70 Zentimeter. Da können unsere heimischen nicht mithalten und sind beinahe süß.
Während ich diese Zeilen im Zimmer tippe, streckt erneut eine Ziege ihren Kopf durch den Wohnungseingang. Gestern ist sie einmal quer übers Essen, welches wir indoor eingenommen hatten, gerannt. Ziegennachwuchs gab es noch dazu.
An das Duschen mit Eimer und Becher habe ich mich gewöhnt, doch die gambische Kackhocke ist echt anstrengend und die Toilettenhygiene, sowie der Geruch sind nicht wirklich prickelnd. Und dies leider in einem Augenblick, in dem eine Nebenwirkung der Malariaprophylaxe ordentlich durchschlägt, nämlich im Darmbereich. Zuerst mit Kohletabletten, nun mit Tannacomp versuche ich entgegen zu wirken. Zwar gibt es annähernd jeden Tag Reis, der stopft, im Gegenzug allerdings fettiges, stark gewürztes Essen. Gestern bekam ich mein im Kombo (= der Teil südlich des Flusses) bestelltes Klopapier und ein paar Früchte mitgebracht. In Ndungu Kebbeh gibt es nur samstags einen Markt.
Meine Sonnenbrille ist mehr geschmolzen als gebrochen.

Nachts läuft mein Tischventilator unter meinem Moskitonetz, der mir ebenso hilft, wie lesen, Ohrstöpsel oder zum 1000. Male dem selben Hörspiel zu lauschen: „Quality Land“ von Marc Uwe Kling.
Nun zu heute: Wir sollten extra früh aufstehen, um nach miserabler Nacht gegen 7 Uhr von Sulayman abgeholt zu werden. Er kam gegen halb 9 mit seinem Motorrad, auf das ich stieg und Ali transportierte den Koffer mit Trikots und Geschenken auf seiner Klappermaschine. Nach einer halben Stunde kam ich durchgeschüttelt an der Prince Lower Basic Cycle School an (Klasse 1 – 9, Kindergarten inklusive).

Direkt durfte ich, irgendwann beidhändig, über 100 Kinderhände, anschließend die des Kollegiums und des neuen Direktors schütteln.

Wie gestern starteten wir aufgrund der nahenden Mittagshitze mit den Fußballmatches und heute konnten meine Teams den Sieg davon tragen, ich zudem schon etwas mehr Leistung bringen. Es war ein Kleinfeld;). Daraufhin stellte ich mich und unsere Ziele von Hand in Hand der gesamten Schülerschaft vor, bevor die Preisverleihung für die besten Spielerinnen und Spieler folgte.


Damit niemand leer ausging, gab es für alle Kids in ihren Klassenräumen Süßigkeiten. Normalerweise wäre eine Klassenstärke von 25 Schülerinnen und Schüler zulässig, doch momentan quetschen sich bis zu 4 Schüler in eine kleine Bank, insgesamt 50 im schlecht durchlüfteten dunklen Raum.

Anschließend erfolgte das nähere Kennenlernen und Interviewen der Patenkinder, die natürlich auch mich alles fragen konnten, was ihnen auf dem Herzen lag.

Die Bücherei existiert eigentlich nicht mehr. Termiten haben Wände, Schränke und die alten Bücher durchfressen. Das Kindergarten“gebäude“ ist ein freistehendes Holzgerippe mit Wellblechdach, die Schulküche vom Sturm zerstört und einsturzgefährdet, sodass sie weder betreten noch benutzt werden kann.




Einzig die Toiletten sind in gutem Zustand, bzw. werden gerade neu gebaut. Neben den vielen Wünschen, die sich im anschließenden Gespräch herausstellten, priorisierte das Kollegium Möbel (Bänke, Tische, Schränke), danach mehr Unterrichtsräume und Batterien für die Elektrizität.
Alles in allem waren alle Schulleiter und Kollegien unglaublich dankbar für die Unterstützung und der geleisteten Arbeit von Hand in Hand for the Gambia. Der Verein unterstützt sie mehr als es die Regierung zu Stande bringt.
Den Kolleginnen und Kollegen der Kanonikus-Kir-Realschule Plus FOS Mainz Gonsenheim sende ich gesondert Video- und Bildmaterial, einerseits für unsere Gambia-AG, aber auch um noch mehr Eindrücke vom gambischen Schulleben zu erhalten.
Wegen der Schulküche habe ich mit Tanja von Hand in Hand und Susanne vom Familiy Health Project später Kontakt aufgenommen und wir schauen nach einem Kostenvoranschlag.
Im Telefonat mit Tanja konnte ich erneut die Problematiken der Patenkinder, welche wir interviewten und allen Paten ein Video senden werden, durchgeben und wir sprachen über Finanzierungsmöglichkeiten. Ebenso war es für sie wichtig, endlich jemanden vor Ort zu haben, der dies 1 zu 1 berichten konnte, um noch besser von Deutschland aus, zusammen mit dem Club, kommunizieren und wirtschaften zu können. Meinen gambischen Kollegen musste ich in Sachen Transparenz, Kommunikation und Organisation noch mehr Struktur geben.
Meine herzlichen Grüße für die Trikotspenden gehen an Manuel Konradt, Patryk Gattner und allen voran Sebastian Schächter. Die Schulen und Schüler haben sich sehr gefreut.
23.09.2021 – Leider war ich nach kurzer Nacht immer noch nicht auf dem Dampfer. Neben Magen und Darm, kam ein Brummschädel dazu. Das alles verwundert mich kaum mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass das Wasser nicht immer rein ist, obwohl ich strikt darauf achte, abgefülltes Wasser zu kaufen. Allerdings sind die hygienischen Bedingungen in Klo, Dusche und Küche sehr schlecht. Gegessen wird zusammen aus einer Schale mit den Fingern. Alles in allem ein Paradies für die Verbreitung von Keimen. Die Tiere hinterlassen ihren Kot überall. Wenn man nicht aufpasst, auch im Zimmer. Zudem gibts Tag und Nacht überall Ungeziefer um einen herum. Froh bin ich um alle Zeit, in welcher ich etwas Essen bei mir behalten kann. Also habe ich meinen Apotheker des Vertrauens kontaktiert, mit dessen Hilfe ich auf Besserung hoffe und bevor man mir den Schamanen kommen lässt.
Morgens versuchte ich zu funktionieren, denn wir besuchten die Patenschule in Ndungu Kebbeh, aber auf ein Fußballspiel konnte ich mich nicht einlassen, sodass ich nur, aber immerhin zum Sieg, coachte. Das Spielfeld war das offizielle Stadion für Ligaspiele in der Nähe der Schule, trotz alledem der selbe Acker, den ich in einem vorherigen Beitrag geschildert hatte. Bei allen Matches war ich sehr froh, dass sich niemand ernsthaft verletzt hatte und keiner barfuß irgendwo in etwas Gefährliches reingetreten ist. Mehr auf dem Platz als am Spielfeldrand haben die Mädchen mit Gesang, Trommelinstrumenten, Tanz und Fansprüchen ihre Mannschaften der Ndungu Kebbeh Lower Basic School gefeiert. Da ging was ab.

Knapp nach Ende des Spiels trafen Susanne und Bakary vom Family Health Project Gambia e.V. ein und machten, während der Preisverleihung für die besten Spieler, dem Direktor, wie ich zuvor, ihre Aufwartung. Anschließend konnten wir den eigens für uns arrangierten Unterricht, weil sich auch hier der Cleaning Day zur Cleaning Woche entwickelte, besuchen. Die Schülerinnen und Schüler lernten sehr interaktiv (auch ohne Smartboard) singend, klatschend und sprechend im Fach Ethnics die Aus-/Sprache der Jolof.
Während Susanne noch weitere Unterrichtsstunden besuchte und Süßigkeiten verteilte, nahmen wir die Belange unserer Patenkinder und der Schulleitung auf, bis urplötzlich ein Sturm einsetzte, der nicht nur allerhand herumwehen, Bäume brechen, sondern auch ein Teil des Wellblechdachs eines Klassenraumes abheben, sich zurückpressen und fast vom Dach abreißen ließ. Heftiger Regen setze ein und alle mussten sich erst einmal in die, auch hier zu wenig vorhandenen, Klassenräume retten. Man sagte mir, dass dies nur eine Mini-Lightversion vom Sturm im vergangen Juni war. Was muss den Kindern dabei wohl für ein Schreck in alle Glieder gefahren sein und nach überstandenem Unglück sowohl das Gefühl zu verspüren, als auch die harte Realität zu sehen, zwar mit dem Leben davongekommen, aber nun obdachlos zu sein?
Die Ausmaße der Zerstörung waren auf dem gesamten Schulgelände noch sichtbar. Die Toiletten hat es unglaublich schwer getroffen. Für uns war das alles sehr erschreckend.


Einzig die von Hand in Hand for the Gambia in Auftrag gegebene Schulküche steht gut da. Allerdings kann sie nicht benutzt werden, weil die Regierung die Lebensmittellieferungen nicht erbringen kann.

Susanne und Bakary haben sich die Bauweise der Küche genauer angeschaut und eine Materialberechnung und Kostenaufstellung erdacht. Mit ihrer Menpower und der Hilfe von Hand in Hand können wir vielleicht der Schule in Prince eine Küche bauen.
Im Endeffekt blieben nach dem Besuch hauptsächlich Betroffenheit und Sprachlosigkeit zurück.
Viele Grüße und großen Dank möchte ich an meinen Apotheker des Vertrauens Jan Schroer und meine Osteopathin Sophia Siegert, die meinen Rücken für meine Reise vorbereitet hat, senden.
24.09.2021 – Für die Jungs von Hand in Hand vor Ort und natürlich auch mich, sollte das heute ein ganz besonderer Tag werden. Darauf hatten wir uns die letzte Woche vorbereitet. Es ging zurück in den Kombo (südlich vom Gambia River), um den Einkauf für die Patenkinder zu erledigen. Daher hieß es Wecker stellen, Frühaufsteher sein. Als ob das nötig gewesen wäre. Am liebsten hätte ich den Hähnen einen Knoten in den Hals gemacht und dem Imam ein Ticket nach Mekka spendiert. Ab 5 Uhr in der Früh war wieder einmal an Schlaf nicht mehr zu denken.
Ohne Frühstück, ich hätte es wohl eh‘ nicht bei mir behalten, fuhren Ali und ich mit dem öffentlichen Kleinbus zur Fähre nach Barra, sammelten Sulayman ein und setzen nach Banjul über, wo uns Kebbeh in Empfang nahm. Zeitlich waren wir gut im Rennen und teilten uns, nachdem wir die benötigten Schulmaterialien (Schreibhefte, Kulis, Bleistifte, Radierer, Spitzer, Taschenrechner, …) in einem Shop in Auftrag gaben, in Zweierteams auf. Während Ali und Kebbah zum Schuhhändler eilten, suchten Sulayman und ich einen Technikhändler, weil ich für die zwei Patenkinder unserer Kanonikus-Kir-Realschule plus FOS, neben den georderten Schulbüchern für die 4 Hauptfächer Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften und Landeskunde, sowie benötigte Lebensmittel, Elektrizität organisieren wollte. Das war gar nicht so einfach, sodass wir unsere Meter in Trubel und Hitze zurücklegen mussten. Immerhin haben wir einen gefunden und wie bei allen weiteren Verhandlungen, denn Festpreise gibt es nicht, war es endlich einmal von Vorteil ein Tubab zu sein, da ich als offizieller Vertreter einer Hilfsorganisation verhandelte, notfalls auf die Tränendrüse drückte und Preisnachlässe herausschlug, welche die anderen in der Form nicht bekommen hätten. Leider wird auch hier klar zwischen einheimischem Preis und Preis für Fremde unterschieden. Dennoch konnte ich sogar den gambischen Preis drücken und handelte wie ein Berber (@#Tobi Bergdoll!), sodass meine Kollegen mich später auch beim Schuhhändler, beim Schreibwarenhändler und sogar beim Stoffhändler, der als Monopolist für ganz Gambia niemandem einen Rabatt gewährt, ich ihm dennoch einen nicht unwesentlichen abgerungen hatte, vorschickten.






Der für die Schuluniformen benötigte Stoff muss dann in den nächsten Tagen von Schneidern auf die zu besuchende Schule passend zugeschnitten und genäht werden. Ali wird dabei helfen. Daneben besorgten wir noch Schulranzen und Socken, aber leider konnte ich für Fatou, die in die 6. Klasse geht, keine Schulbücher kaufen, diese bezieht die Regierung für Klassenstufe 5 und 6 erst wieder für das 2. Schulhalbjahr ab Februar:(. Unfassbar! Einfach traurig, wie so vieles, was ich in den letzten Tagen an den Schulen sehen musste.
Gegen 15 Uhr hatten wir dann alles beisammen, ließen alles erst auf ein Taxi, dann auf einen Handkarren verschnüren und hetzten zur fast ohne uns ablegenden Fähre. In der Northbank besorgte ich noch zwei Kanister Öl, bei Fatous Onkel zwei Säcke Reis (die Zwiebeln muss ich morgen noch nachreichen, es gab leider keine mehr) und gegen 16 Uhr genossen wir im nächsten Taxi auf der Fahrt zu den wartenden Patenkindern, unser „Frühstück“. An zuvor bestimmten Punkten kam es zur Übergabe.




In Chamen war es mir eine sehr große Freude, den Familien von Rohey und Fatou ihre zusätzlichen Hilfsmaßnahmen zukommen zu lassen. Für Fatou, deren Vater als Schreiner arbeitet und deren Onkel ein Einkommen durch die Landwirtschaft und den Verkauf von Lebensmitteln hat, wodurch die Familie in einem vergleichsweise guten Compound leben kann, besorgte ich eine Solarlampe für das Lernen nach Sonnenuntergang (Die Schule geht von morgens 8 Uhr bis teils 18 Uhr abends!), sowie Lebensmittel für die nächsten Monate. Ihre Schulbücher werde ich nachliefern lassen, sobald welche im Handel erhältlich sind. Den Reis, auch für Roheys Familie, konnte ich bei Fatous Onkel erstehen, wodurch noch eine sehr gute Finanzspritze dazu kam.

Die Familie von Rohey hat es bedeutend schwieriger und lebt in unglaublich schlechten hygienischen Bedingungen und Wohnungsumständen. Als Direkthilfe entschied ich mich auch hier für Lebensmittel, die teuren Schulbücher für Klasse 7, sowie einer Komplettinstallation für Elektrizität und Licht. In Banjul erstandt ich dafür eine Autobatterie, ein großes Solarpannel, einen Charger, diverse Kabel, LED-Birnen, Fassungen und Klippschalterboxen. Der Elekriker zum Anschließen ist für Sonntag bestellt. Schon wie beim ersten Besuch habe ich unglaubliche Dankbarkeit und Herzlichkeit gespürt, welche mir die Familie entgegen brachte. Ihr Lächeln und ihre Worte waren der wunderschönste Lohn. Die zwei stattlichen Hähne, mit welchen mir die Familie ihre Dankbarkeit zeigen wollte, habe ich natürlich nicht angenommen. Erstens passen sie nicht in mein Reisegepäck, zweitens geht es ihnen bei der Familie besser als bei mir und drittens kann ich momentan einfach keine Hühner mehr sehen. Mit vollem Respekt lehnte ich ab, bat stattdessen, um die Familie nicht zu beleidigen, sie als Zeichen unserer Unterstützung Mr. Tobi und KKR (lautmalerisch: Kakaer) nach den Supportern zu nennen. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu arrogant. Ich war sehr froh, mein Versprechen der Vortage (fast) erfüllen zu können (Morgen liefere ich die Zwiebeln!).

Leider waren an den Ausgabepunkten nicht alle Patenkinder anwesend. Es war schon stockdunkel, als wir nach zwei Stopps in Prince ankamen, wo Eltern, Lehrer und Kinder teils schon seit morgens sehnsüchtig warteten. Man warnte mich direkt, mich nur mit Licht zu bewegen, um nicht versehentlich einer Schlange zu begegnen. Mit dem Direktor konnte ich nochmals über eine mögliche Realisierung einer neuen Schulküche sprechen, bevor ich aufbrechen mussten.
Die Schule in Ndungu Kebbeh konnten wir leider gar nicht mehr ansteuern, sodass wir die Materialien bei Ali im Compound unterbrachten und diese am Wochenende abgeholt werden. Unter Platzregen kamen wir völlig entkräftet gegen 20 Uhr im Compound mit dröhnendem Kopf, aber voller Stolz über die erbrachte Leistung, v. a. darüber, was wir bewirken und wie gut wir zusammen arbeiten konnten, an. Es war ein großartiger Tag, der leider so endete, wie er begann: mit Magenschmerzen.
An dieser Stelle möchte ich meinen unermesslichen Dank an alle Mitglieder und sonstige Suporter von Hand in Hand for the Gambia e. V. in Deutschland aussprechen. Ohne Ihre Unterstützung und finanzielle Hilfe wäre all das nicht möglich. Wir sind unglaublich stolz, und zusammen mit Euren Patenkindern und -familien überaus dankbar, auf Euch. Wie es die Walluf sagen würden: „Drerejef!“ („Vielen Dank!“)