19.09.2021 – Wie jeden Morgen wachte ich viel zu früh auf, spürte neue Stiche an meinen Füßen und rätselte, ob diese nun tatsächlich über die Nacht von Moskitos herrührten oder doch ein paar Bettwanzen unterwegs waren. Die Fenster hatte ich zumindest stets geschlossen und herumsurren habe ich ebenso noch nicht gehört. Es war wieder einmal ein starker, langanhaltender Schauer, bei dem folglich erneut der Strom ausfiel, der mich aufgrund seiner Heftigkeit fast senkrecht im Bett stehen ließ. Glücklicherweise soll die Regenzeit zu Oktoberbeginn enden. Unseren Zeitplan hätte das natürlich wegen der überfluteten Straßen durcheinander gebracht, wäre es nicht ebenso für mich im Vorfeld klar gewesen, dass es mal wieder länger dauert, bis alle bei mir im Patta Patta eintreffen. Aber mittlerweile rechne ich damit immer und habe die deutsche Pünktlichkeit erfolgreich selbst abgelegt. Sam, Nuha und zwei seiner Schulkinder durfte ich zuerst begrüßen und als dann noch Modou und Ali eintrafen, machten wir uns mit zwei Autos auf den Weg nach Banjul zur Fähre nach Bakka.




Auf der Fähre war stark was los. Wahrscheinlich auch, weil morgen das neue Schuljahr und die nächste Arbeitswoche startet. Wer die Fähre nicht nutzen möchte, hat auch die Chance, ein kleines Motorboot für die gut 30-minütige Fahrt über den Fluss Gambia zu nutzen. Ali meinte, dass dies unser Transportmittel für den Rückweg sei. Ich hoffe, er scherzte.
In Bakka leisteten wir uns ein Taxi und fuhren über Chamen rund 25 Kilometer nach Ndungu Kebbeh.

Während Nuha in Chamen lebt und dort als Lehrer arbeitet, stieg ich mit Ali in Ndungu Kebbeh aus. Hier lebe ich erstmal die nächsten Tage zusammen mit der kompletten Großfamilie, die mich sehr herzlich willkommen hieß.






Nach dem „Check In“ gab es natürlich Ataya-Tee und ein typisches Mittagessen, Benechin, welches wir mit Sulayman einnahmen, der vorbeikam, um die nächsten Schritte zu besprechen. Dabei haben wir die gesammelten Fußballmaterialien gesichtet und besprochen, wie wir sie auf- und verteilen werden.



Gestärkt führte mich Ali durch die Nachbarschaft und an jeder Ecke trafen wir die nächsten Verwandten. So ist das halt, wenn man mehrere Frauen haben darf. Ich hätte längst den Überblick verloren. Deswegen bleibe ich wohl monogam;). Als Tubab, wie man die Weißen hier bezeichnet, fühlte ich mich bei der/den Familie/n sehr freundlich empfangen und bedankte mich stets herzlich für die Gastfreundschaft. So war es klar für mich, spätestens nun meine ersten Walluf-Worte zu lernen, um eine Begegnung mit den Leuten dieser Ethnie noch schöner zu gestalten, weil nicht alle Englisch sprechen können. Deshalb gab mir Ali meine erste Walluf-Stunde. Abends saßen wir noch beim Tee zusammen und lernten uns näher kennen.
20.09.2021 – Meine erste Nacht war sehr unruhig. Zwar überließ mir Ali seine Matratze (Er schlief wie früher, als er noch keine Matratze hatte, auf einer dünnen Strohmatte auf dem Boden.) und wir spannten ein Seil durch das Zimmer, sodass ich mein Moskitonetz aufhängen konnte. Dennoch war es wegen der Hitze sehr schwer einzuschlafen und aufgrund des Wettkrähens verschiedener Hähne, die sich mit Eseln, Schafen, Hunden und dem Iman für den Schreihals des Monats bewarben, riss es mich immer wieder aus dem Schlaf. Zudem hatte eine Maus ihr Eingangsloch am Kopfende der Matratze und ich habe es öfters kauen gehört. Des Morgens legte ich einen Teil einer Bodenkachel darüber und bin in guter Hoffnung zu meinem ersten Schultag in Gambia aufgebrochen.



Es ging rund 20 Minuten durchs Gelände, vorbei an Termitenhügeln, Viehherden und ettlichen Schulkindern, die immer zu „Tubab, Tubab!“ („Weißer, Weißer!“) riefen, bis wir zur Kabakoto Basic Cycle School, in der sich etwa 700 Schüler sowohl im Kindergarten als auch in den Klassen 1 – 9 tummeln, kamen. Es ist also eine Kombination zwischen Kindergarten, Grund- und Hauptschule. Wer diese gut besteht, kann später, wie in Deutschland, eine weiterführende Schule besuchen und daraufhin vielleicht sogar ein College. Eine Mutter, die ich dort antraf, fragte ich, was sie sich für ihre Kinder in Zukunft wünsche, doch sie erklärte mir nur, dass es nach einem erfolgreichen Abschluss auch nicht wirklich leicht ist, eine Arbeitsstelle zu finden. Die meisten Menschen hier arbeiten entweder in der Landwirtschaft, sind Verkäufer, fahren Taxi, sind Mechaniker oder sind auf den Tourismus angewiesen. Doch seit der großen Flut vor drei Jahren und Covid versiegte diese Einnahmequelle bisher zu sehr.
Zum Schuljahresbeginn kommen Lehrer und Schüler nach den 2-monatigen Sommerferien aus verschiedenen Regionen zurück zur Schule. Die Lehrerinnen und Lehrer wohnen sogar in der Schule mit der Schulleitung zusammen und bleiben dort oft bis zu den nächsten Ferien. So startet die Schule mit einem großen herzlichen Ankommen, einem sich eventuell neu Bekanntmachen und einem bzw. mehreren Cleaningdays, bevor der Unterricht überhaupt beginnen kann. Die Lehrerinnen säuberten mit den Mädchen die Lehrerbehausungen und weil die Jungs und Lehrer nicht wirklich beim Putzen mitanpackten, habe ich mal kurzerhand den Besen, sowie den Mopp geschwungen, um unzählige Termiten und Spinnen zu vertreiben. Das gelang mir nicht immer. Manche krabbelten lieber an mir hoch, anstatt das Weite zu suchen. Dennoch habe ich anständig mit angepackt und den Herrschaften gezeigt, dass „Mann“ auch mal „Frauenarbeit“ leisten kann. Mit erhobenem Zeigefinger geht das natürlich nicht, man kommt aber ins Gespräch und lernt eine andere Sichtweise kennen. In den afrikanischen Kulturen wird eben noch klar zwischen Männer- und Frauenarbeit unterschieden.





Wenn man die Ausstattung, den Lehrerarbeitsplatz und den Komfort an den Schulen hier und an meiner Realschule sieht, darf ich mich natürlich nicht mehr beschweren.


Hinzu kommt ebenfalls, dass man als Lehrperson in Gambia wirklich wenig verdient. Je nach Erfahrungsstufe und Region können das 7000 Dalasi im Durchschnitt sein. Das sind 140 Euro im Monat, die zum Leben für die Familie reichen müssen.
Mit Madame Sunndramin, der Rektorin, sowie mit einigen anderen Lehrern habe ich weiterhin unsere Schulsysteme gegenüberstellen können und ich bin absolut froh, dass ich keine 45 – 70 Kinder auf einmal in einem Saal unterrichten muss. Dennoch, die Klassengröße ist überall die Krux. Man muss sich einfach auch um möglichst viele Schüler kümmern können. Hier sagte die Rektorin, sie könne manche Schüler in den letzten Reihen nicht einmal sehen. Ein Durchkommen bis dahin wäre unmöglich.
Nach dem Schulbesuch besuchten wir ein Fußballspiel, bei dem gefühlt das ganze Dorf da war. Es war kurios, wenn man sich den Platz betrachtete. Überall Huppel, Löcher, größere Wasserpfutzen im Elfer und Hühnchen rennen durch das teilweise 30 Zentimeter hohe Gestrüpp über links Außen. Die Stimmung war aufgeladen. Es wurde am Spielfeldrand von den Fangruppen 90 Minuten gesungen und getanzt. Da können sich die Mainzer Fans mal eine Scheibe abschneiden. Und dann fiel auch noch das 2:1 in der Nachspielzeit, was einen Platzsturm der Anhänger der Siegermannschaft zur Folge hatte.

Eines darf ich heute natürlich nicht vergessen. Dem Geburtskind Milli zum Ehrentag zu gratulieren. Alles Liebe und Gute aus Gambia. Meine Sundownergrüße gehen vom Sportplatz an dich.
PS: Ich halte vor Ort Ausschau für deinen VfB Stuttgart, ob man eine Verstärkung verpflichten könnte.

21.09.2021 – Mit dem Motorbike und einem Koffer voller Trikots, Stutzen, Bällen und sonstigen kleinen Geschenken legten Ali und ich in der Frühe den Schulweg zur nahe gelegenen Patenschule, der Lower Basic School in Chamen, zurück. Nuha ist dort angestellt und hat unseren Besuch arrangiert. Zuerst trafen wir auf Kollegium und Schulleiterin und erklärten unseren Besuch. Ebenso konnte ich mich vorstellen und wir sprachen über die Probleme der Schule, welche unglaublich umfangreich sind. Die Toiletten kann man eigentlich nicht mehr benutzen, sodass die Kinder lieber ihr kleines und großes Geschäft im Gebüsch erledigen.

Der Zaun des Schulgartens wurde durch den Sturm zerstört, wodurch immer wieder fremde Tiere die Köchinnen um ihre Ernte und somit die Schulkinder um ihr Schulessen bringen. Es fehlt zudem an einer einfachen Wasserversorgung oder Aufenthaltsplätze bei starkem Regen oder brütender Hitze. Natürlich schließen sich hier Schul-, Sport- oder Säuberungsmaterialien für den Hausmeister an. Nachdem ich mir alles notiert hatte, bat ich darum eine Priorisierung vorzunehmen (s. erste 3 Punkte). Im Anschluss und in Anbetracht der Hitze starteten wir mit dem 1. Fußballmatch der Mädchen, bei dem ich natürlich mitspielen wollte.

Leider rannten alle meist dem Ball hinterher und ich musste die Löcher in der Abwehr stopfen. Und ich kann nur sagen, das waren die anstrengensten 15 Minuten auf dem Platz meines gesamten Lebens. Dem kam auch das Folgespiel von 30 Minuten mit den Jungs, die es mit ihren 11/12 Jahren wirklich drauf hatten, gleich. Endlich war ich einmal nicht der Kleinste auf dem Platz, doch dann haben mir die Jungs mal gezeigt, wie alt und untrainiert ich bin. Mir graut es schon vor den Spielen an den anderen Schulen. Spaß gemacht hat es bei gefühlten 40 Grad irgendwie trotzdem und immerhin habe ich bestimmt 5 Kilo abgenommen, mindestens;).

Es folgte eine Siegerehrung und Preisverleihung für jeweils die besten Torhüter, Torschützen und Spieler des Spiels. Mein Patenkind Fatou wurde sogar von den gambischen Coaches zur besten Torhüterin und Roheys Bruder zum Spieler des Spiels gewählt. Ob das Zufall war? Ich weiß es nicht. Auf alle Fälle ergeht an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Sebastian Schächter (Schächter Sportsmanagement) für die Trikotspenden und an das 05er Klassenzimmer von Mainz 05 für die Bälle.


Im Anschluss konnte ich mich zum ersten Mal mit den Patenkindern von Chamen und im Speziellen mit Rohey Jobe und Fatou Cham, welche von unserer Schul-AG seit 5 Jahren unterstützt werden, direkt unterhalten. Schon im Vorfeld hatte ich mir viele Gedanken gemacht und war sehr gespannt. Die anfänglich sehr scheuen Kinder stellten sich zuerst ein wenig vor, erzählten auf Nachfragen auch über ihren weiten Schulweg, ihre Wünsche für die Zukunft und ich notierte mir von allen, was sie am Nötigsten brauchen. Als mir Rohey sagte, dass sie einmal Präsidentin von Gambia werden möchte, dachte ich mir: „Ja, warum nicht groß denken, um sich täglich anzuspornen.“ Sie ist sogar eine sehr gute Schülerin und könnte unter besseren Bedingungen weit kommen. Doch erst nach meiner Anschlussfrage, was sie als erstes in Gambia ändern würde, wenn sie die Regierung leite, konnte ich sie verstehen. Ihr Wünsch wäre, dass jedes Kind zur Schule gehen könnte. – Kurze Zeit an dieser Stelle zum Nachdenken. – Diese, sowie die Informationen von den Lehrern/den Schulleitungen gebe ich später stets Tanja von Hand in Hand for the Gambia in Deutschland weiter. Nachdem wir alle Partnerschulen besucht und die Patenkinder befragt haben, entscheiden wir über künftige Hilfsaktionen. Doch eines stellte sich jetzt schon heraus. Wenn unsere Patenkinder schon kein Frühstück oder regelmäßig Essen sowie Arbeitshefte haben, um dem Unterricht gut folgen und gute Leistungen erbringen zu können, wie muss es dann den Kindern gehen, die keine Paten haben?

Daraufhin begleiteten mich meine Kollegen Ali, Sulayman und Nuha zu den Compounds von Fatou und Rohey, wo ich mich, unser Schulprojekt, wie ebenfalls den Verein Hand in Hand in Deutschland den Familien vorstellen konnte. Meist benötigte dies Übersetzungshilfe, da die meisten älteren Gamber oft nur ihre Volkssprache sprechen. Fatou und Rohey führten uns daraufhin jeweils durch den Compound und ich konnte mir meine Gedanken darüber machen, was am dringendsten benötigt wird. Wenn man beide Compounds vergleicht, hat es Fatou um Einiges besser getroffen. Ihr Vater ist Tischler und nebenbei betreibt die Familie Landwirtschaft. Sie besitzen sogar eine richtige Toilette, haben ausreichend Platz, einen Brunnen, einen Garten und etwas Vieh.

Roheys Familie dagegen hat es nicht so gut getroffen. Der Sturm hat auch hier die Zäune für ihre Felder zerstört. Es gibt keine ausreichende Elektrizität. Die Sanitäranlagen sind unzureichend und Platz oder nur ein wenig Privatsphäre gibt es nicht.
Mit ein paar weiteren Geschenken, konnte ich ihnen, wie den anderen Patenkindern für den Moment ein Lächeln ins Gesicht zaubern und spürte vor allem bei Roheys Eltern große Dankbarkeit.
Das Zusammentreffen war in beide Richtungen sehr emotional und ich habe mir fest vorgenommen, möglichst auch wirksame kurzfristige Hilfe zu leisten. Mit gemischten Gefühlen ging ich zu Bett.
Fun Fakt am Rande: Sofern es ein Junge wird, möchte eine hochschwangere Lehrerin ihr Kind nach mir benennen.